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94. Lucien

  Regungslos sa? Lucien auf seinem Stuhl und hatte gro?e Mühe, dem zu folgen, was Emmanline sagte, denn all diese Worte waren alles andere als dahingesagt oder leer. In jedem einzelnen Satz lag Kraft, Wahrheit und Erfahrung... und er war sich sicher, dass er nicht der Einzige war, den diese Rede sprachlos machte. Der gesamte Raum war von Schweigen erfüllt, als h?tte niemand gewagt, diesen Moment zu st?ren.

  Lucien konnte Emmanline nicht aus den Augen lassen, so sehr nahm sie ihn gefangen. Alles, was sie sagte, lie? seine Zuneigung und seine Gefühle zu ihr weiter wachsen, st?rker werden... tiefer greifen, und er fragte sich, wie er sie da nicht noch mehr ins Herz schlie?en sollte. Er war ihr l?ngst verfallen… mit Leib und Seele. Wie gern h?tte Lucien diese Frau jetzt an sich gerissen, sie geküsst, als g?be es nichts anderes mehr… doch er wusste, dass sie sich dagegen wehren würde, dass es ihr peinlich w?re. Au?erdem konnte er es nicht tun. Nicht hier, nicht vor all diesen Blicken, solange sie ihn noch nicht als ihren Gef?hrten akzeptierte. Lucien wollte Emmanline nicht in Verlegenheit bringen, auch wenn es dem Mann und dem Drachen in ihm missfiel, ihre Zurückhaltung zu spüren… ihre Distanz zu fühlen. Ja, sie hatten miteinander geschlafen, doch es war k?rperliche Sehnsucht gewesen, nicht mehr. Er jedoch wollte alles. Er wollte ihr Herz, ihre Seele, ihre Wahl, so wie seine bereits ihr geh?rten. Trotz alledem erfüllte ihn ein tiefer Stolz, der allein ihr galt.

  ?Du hast Recht“, riss ihn schlie?lich eine warmherzige Stimme aus seinen Gedanken. Tarana war die Erste, die das Schweigen brach. ?Wir würden jederzeit alles für unser Volk tun, für jene… die wir lieben.“

  Emmanline nickte kaum merklich. ?Dann liegt es in eurer Entscheidung. Doch eines wei? ich mit Gewissheit… er wird niemals aufgeben, sein Ziel zu erreichen. Er wird alles und jeden t?ten, egal ob es Krieger sind oder wehrlose Kinder. Er besitzt kein Herz und absolut keine Skrupel... kein Mitleid.“ Sie senkte den Kopf, was vereinzelte schneewei?e Str?hnen über ihre zarten Schultern gleiten lie?, w?hrend ihr Ausdruck… und Lucien wusste genau, wohin ihre Gedanken gingen, an welche Zeit sie zurückdachte. Allein dieser Gedanke lie? seine Wut innerlich explodieren. Am liebsten h?tte er diesen Bastard sofort in seinen Klauen gehabt, h?tte ihn mit Rei?z?hnen zerfetzt… ohne Gnade.

  Nun erreichte Lucien jenen Punkt, an dem er alles wissen wollte… alles, was Emmanline erlitten hatte, jede Grausamkeit, jede Demütigung, nur damit sein Zorn weiter anschwellte, und sein Hass gen?hrt wurde. Er würde es für sie tun... nur für sie, weil er sie bei sich haben… sie beschützen wollte. Wenn Emmanline verlangte, dass sie so werden mussten wie diese Missgeburt, dann würde Lucien es sein. Sein Drache stimmte ihm knurrend zu, und sollten alle G?tter versuchen, ihn aufzuhalten, würde er erst recht wüten und toben… ohne jede Grenze. Er würde alles in seinem t?dlichen Feuer niederbrennen.

  Mit einem scharfen Ratschen eines Stuhles stand Emmanline pl?tzlich auf. Verwundert hob Lucien den Blick, dann erhob auch er sich. ?Was hast du vor?“, fragte Lucien leise, angespannt.

  ?Lucien, du wei?t, wenn ich alles über Culebra erz?hlt habe, was ich wei?, werde ich gehen. Ich geh?re hier nicht her.“ Und genau das würde Emmanline auch tun. ?Du wei?t es, und ich will es auch nicht. Ich will keine wichtigen Informationen über euch wissen.“ Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und entfernte sie sich vom Tisch, als schlie?e sie einfach so damit ab.

  Auf halbem Weg hielt Lucien sie am Oberarm fest und drehte Emmanline zu sich. In diesem Moment wurde ihm bewusst, was er genau tat. Sein Instinkt dr?ngte ihn, sie hierzubehalten, weil er keine Geheimnisse vor ihr haben durfte. Doch Emmanline tat genau das Richtige. Sie hatte schon genug Schwierigkeiten, sich hier einzugew?hnen, und sie brauchte nicht noch mehr Hindernisse. Und genau das tat er, indem Lucien sie jetzt vor dem Rat pr?sentierte und an den Pranger stellte. Sicherlich würden sie denken, sie habe ihn irgendwie überlistet, beeinflusst... mit Magie, weil er von ihr besessen war. Natürlich war Lucien es… aber auf reiner Gefühlsebene, und das wusste er mit unerschütterlicher Gewissheit, w?hrend sein Drache innerlich gegen alles auf gebarte.

  Mit gro?er Mühe lie? Lucien Emmanline los und sah sie schweigend an. Sie verstand ihn sofort, nickte einmal und wandte sich ab, machte zwei Schritte, doch dann… dann drehte sie sich noch einmal zu den Anwesenden um. ?Eines solltet ihr noch über Culebra wissen… alles, was ihr von ihm zu wissen glaubt, wird er sich zunutze machen. Er wird genau das tun, womit ihr nicht rechnet. Ihr müsst anders denken. Sucht nicht an Orten, von denen ihr glaubt, er würde sie aufsuchen, sondern an denen… er niemals erwartet wird. Genau dort werdet ihr ihn finden. Culebra ist ein Feuerdrache der st?rksten Klasse. Ich kann euch nicht sagen, wo er sich genau aufh?lt, denn er wechselt seine Orte best?ndig. Aber eines ist gewiss… er bevorzugt die eisigen und tiefen Abgründe.“ Damit verlie? Emmanline den Besprechungssaal. Die Totenstille hielt erst, bis das Türschloss in seine Verankerung fiel und ein dumpfes Ger?usch hinterlie?.

  Dann brach ein Stimmengewirr los. Alle sprachen durcheinander, spekulierten, diskutierten. Lucien kehrte an den Tisch zurück und setzte sich, zunehmend genervt und ver?rgert auf seinen prunkvollen verzierten Stuhl. Bis pl?tzlich eine Faust hart auf den Tisch krachte. Erschrocken wandten sich alle um… doch nicht zu ihm. Derjenige, der fast den Tisch zerschmettert h?tte, war… Darius, sein Onkel.

  Darius sa? wie ein m?chtiger, beeindruckender Pol auf seinem Sitz. ?Verflucht noch mal!“, knurrte er wütend. ?Habt ihr nichts Besseres zu tun, als st?ndig alles infrage zu stellen?“

  ?Was glaubst du, warum wir das tun? Wir wollen unser Volk beschützen!“, widersprach Volteer mit wutverzerrter, energischer Stimme, w?hrend er aufstand und gegenüber von seinem Onkel stand, als Darius herausfordernd zu ihm heraufschaute, weil er noch auf seinem Platz sa?. Nur der stabile Tisch zwischen ihnen. Glühende Drachenaugen in unterschiedlichen Farben waren einmal um den Tisch herum aufgeglommen.

  ?Woher sollen wir wissen, ob das kein Hinterhalt ist? Wir k?nnen ihr nicht trauen, wenn sie ihr ganzes Leben unter Culebra verbracht hat“, meldete sich mit tiefer, knurriger Stimme Terrador, aber blieb auf seinem Stuhl angespannt sitzen.

  Furchtbare Wut kochte in Lucien hoch. Langsam reichte es ihm, wie sie über Emmanline redeten. ?Ich vertraue ihr!“, knurrte er so laut, dass niemand seinen Ernst missverstehen konnte. ?Charia war kurz davor, ihn zu fassen. Sie erz?hlte mir, dass sie sie in einer eisigen H?hle in den Agrargebirgen gefunden haben. Ich will wissen, wie jemand wie Emmanline dort überleben konnte.“ Lucien wusste mehr… viel mehr. Sie war mehr als unsterblich… im wahrsten Sinne des Wortes. Sonst h?tte sie keine Chance gehabt, zu überleben. Trotzdem brodelte eine unsagbare Unruhe in ihm, die ihn m?rderisch machte. Es gab Momente, in denen er blind vor Wut war, in denen er alles vergessen würde, wenn er nicht wüsste, dass Emmanline an seiner Seite sicher und wohlbehalten war.

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  ?Nehmen wir einmal an, wir k?nnten ihr trauen“, wandte Saphira ein, ?dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Culebra sie einfach entkommen lassen würde. Immerhin wei? sie zu viel.“

  ?Sie hat Recht. Wenn er sie in die Finger bekommt, wird sie vielleicht alles über uns verraten“, sprach seine Tante Lyndiana und er konnte es ihr nicht verübeln. Lucien konnte sich das kaum vorstellen, aber er konnte nicht abstreiten, dass Misstrauen in Emmanlines Vergangenheit begründet war… ebenso wie das der anderen. Egal, wie sehr sie schon seinem Volk geholfen hatte, manche würden immer z?gern.

  Wie konnte Lucien anders von ihr denken als das Richtige? Diese Frau war seine Seelengef?hrtin, und er würde jederzeit zu ihr halten. Sein Instinkt dr?ngte ihn, sie zu beschützen, und sein Drache gab ihm den Rest. Er konnte einfach nicht anders. ?Ich kann eure Bedenken verstehen, aber ich kann sie nicht gehen lassen. Ihr wisst, wie ein Drache ist, wenn er seine Seelengef?hrtin gefunden hat. Im Leben bekommt man nur diese eine einzige Chance, und wir haben keine Macht darüber, für wen wir vorherbestimmt sind.“ Lucien lehnte sich zurück, legte die Arme auf die Lehnen seines Stuhls und sah jeden Einzelnen mit seinen golden glühenden Augen der Anwesenden nacheinander an. ?Ihr solltet es nicht sofort abtun, sondern… ihr in dieser Hinsicht eine Chance geben. Ja, es k?nnte ein Hinterhalt sein, aber ich kann sie zu nichts beschuldigen, solange ich es nicht genau wei? oder sie mit einen Beweis liefert. Emmanline h?tte jedes Recht, uns zu hassen oder wütend auf uns zu sein, und dennoch… hat sie mir und den anderen schon mehrere Male geholfen. Ich verdanke ihr mein Leben, und meine Ehre l?sst es nicht zu, diese Schuld ihr gegenüber einfach zu ignorieren.“

  ?Ich habe nichts gegen sie. Wenn sie dich glücklich macht, Lucien, ist es mir egal.“ Zum ersten Mal stellte sich Lyndiana offen auf seine Seite, was ihn spürbar überraschte. Sie war die jüngere Schwester seiner Mutter, und normalerweise hatten sie kaum Berührungspunkte. Er sah sie selten, au?er bei Ratsversammlungen. ?Rhivanna h?tte es genauso gesehen.“ In ihrer Stimme lag der Schmerz über den Verlust ihrer gr??eren Schwester, auch wenn die beiden nie besonders engen Kontakt gehabt hatten, waren sie einander dennoch stets verbunden gewesen.

  ?Ich danke dir.“ Ein ehrliches L?cheln erschien auf seinen Lippen, w?hrend Lucien seine Tante ansah. Darius und Saphira teilten Lyndianas Meinung, was ihm eine spürbare Erleichterung verschaffte. Es machte die Situation einfacher... wenigstens vereinzelte Unterstützung zu haben. Lucien konnte ihr Misstrauen verstehen, doch am Ende konnten sie nichts dagegen tun… nicht, weil er ihr K?nig war und es bestimmte, sondern weil etwas Tieferes ihn dazu trieb. Es war kein Zwang im eigentlichen Sinne, vielmehr ein instinktiver Drang, dem er mit Verlangen und Sehnsucht folgte… ohne ihn unterdrücken zu wollen. ?Doch lasst uns das Thema wechseln. Wir werden festlegen, wie wir gegen Culebra vorgehen, aber es gibt noch mehr, worüber wir dringend sprechen müssen.“ Wieder sah Lucien jeden Einzelnen an, bevor er alles berichtete, was geschehen war… jede Kleinigkeit, jedes Detail. Es gefiel niemandem, doch es war die nackte Wahrheit und ebenso die Tatsache, dass sie dringend Ma?nahmen ergreifen mussten. ?Was den n?chsten Punkt betrifft, habe ich ein Bündnis mit den Lykae vorgeschlagen.“ Entsetzen durchzog den Saal.

  ?Bist du wahnsinnig geworden?“, reagierte Volteer unverhohlen.

  ?Das würde niemals funktionieren“, mischte sich Lyndiana energisch ein.

  ?Sie hat Recht. Wir k?nnen den Lykae niemals trauen. Seit Jahrhunderten stehen wir mit ihnen im Krieg, auch wenn derzeit ein Waffenstillstand herrscht. Eine einzige Kleinigkeit genügt, und wir befinden uns erneut im offenen Konflikt“, stimmte Darco grimmig zu.

  Lucien seufzte ermüdend und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, als müsste er seine ganze Energie und Kraft aufbringen. ?Mir ist bewusst, dass wir erneut in einen Krieg mit den Lykae geraten k?nnten. Dennoch k?nnte dieses Bündnis ein entscheidender Vorteil für uns sein. Die Lykae sind genauso in Schwierigkeiten geraten wie wir. K?nig Dyade ist zurzeit anderweitig besch?ftigt, und sein Bruder Garett vertritt ihn. Garett w?re beinahe an einem t?dlichen Parasitengift gestorben, h?tte Emmanline nicht eingegriffen. Wir h?tten niemals über solche Mittel verfügt… wir benutzen generell keine Gifte. Nur wenige Talente beherrschen diese Kunst, und die dunklen Fae sind eines der V?lker, die das k?nnen. Wir selbst waren nie daran beteiligt, Lykae zu t?ten. Vor allem nie Kinder, die wehrlos sind… das würde gegen unsere Ehre versto?en. Sagt mir, was schlagt ihr vor?“ Er setzte eine energiegeladene Pause, weil alle nachdenken sollten, bevor sie sprachen. ?Aber eines solltet ihr wissen… mein Vater hatte damals alles versucht, um einen Waffenstillstand auszuhandeln… und er hat es geschafft. Er wusste bereits, dass sich bald etwas zusammenbrauen würde, das die gesamte Mythenwelt betreffen würde. Sollte es zu einem Massenkrieg kommen, h?tten wir niemals eine Chance gegen alles und jeden. Culebra h?ngt uns im Nacken oder die Engel, ebenso wie die dunklen Fae, wenn sich nichts ?ndert. Sie planen offenbar seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, uns gegenseitig auszul?schen, ohne sich selbst die H?nde schmutzig zu machen. Sie sind Meister der T?uschung… und das wei? jeder hier im Raum“, sagte Lucien und deutete auf jeden Einzelnen mit seinem Finger, die im Besprechungssaal sa?en, w?hrend seine machtvolle Pr?senz sich weiter im Raum verteilte. Eine reine provokante Herausforderung. ?Also sagt mir jetzt, was schlagt ihr vor, wie wir weitermachen sollen?“ Er lehnte sich weiter zurück und verschr?nkte herausfordernd seine Arme vor seiner massigen Brust, w?hrend sich seine Augen leicht verengten. Es folgte ein Moment der Stille, in dem alle die Worte verarbeiteten. Lucien lehnte sich weiter zurück, ein amüsiertes L?cheln huschte über sein Gesicht, obwohl die Situation alles andere als lustig war. ?Sagt mir nicht, dass ihr alle sprachlos seid?“

  ?Bist du sicher, dass du den... Lykae trauen kannst?“, fragte Tarana als Erste.

  Luciens Antwort war knapp, aber deutlich und ehrlich. ?Nein.“

  ?Warum dann ein Bündnis?“, wollte Messuria wissen, die alles aufmerksam belauschte und ihre kühle Art als Eisdrache lie? sie nicht hitzig urteilen.

  ?Weil wir keine andere Wahl haben, wenn wir überleben wollen. Die Lykae selbst haben ebenfalls keine Wahl. Wir müssen es versuchen… vielleicht klappt es. Jeder Anfang ist nicht leicht, wenn wir den ersten Schritt machen. Dadurch das wir den gehen, haben wir noch als erstes die Oberhand.“ Was Luciens Initiative nur weiter verst?rkte und darauf hoffte, dass dieser Pakt Bestand haben würde.

  ?Haben wir wirklich keine andere Wahl?“, ersuchte Tarana erneut eine andere Antwort... die nicht anders ausfallen würde.

  ?Wenn es wirklich so kommt, sicherlich nicht. Wir m?gen stark und m?chtig sein, aber nicht unbesiegbar.“ Darius lehnte sich nach vorne, stützte die muskul?sen freien Unterarme auf den Tisch und nickte. Lucien erkannte in seinen blassblauen Augen seines Onkels, dass sein strategisches Denken einsetzte. ?Wir sollten das Bündnis ernsthaft in Betracht ziehen.“

  Die Gespr?che zogen sich hin, stundenlang diskutierten sie m?gliche Strategien, wogen Risiken ab und fanden schlie?lich erste L?sungen, worüber Lucien dankbar war. Doch seine Gedanken wanderten immer wieder zu Emmanline. Es schmerzte ihn, dass sie einfach aus dem Saal verschwunden war. Er wollte, dass sie bei ihm war, doch er musste ihre Entscheidung respektieren. Sie tat das Richtige, aber es fühlte sich für ihn einfach nicht richtig an… vor allem nicht, wenn sie sich so ausgrenzte. Wie lange würden diese Gespr?che noch dauern? Stunden? Lucien wusste, dass die Themen des Rates wichtig waren, aber noch wichtiger war ihm, wieder bei seiner Gef?hrtin zu sein.

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