Emmanline wusste, dass sie in einem tiefen Schlaf versunken war und sich ihm vollkommen ergeben hatte. Zun?chst schien alles sorglos, doch irgendetwas in ihr begann sich zu ver?ndern... ein ungutes Gefühl schlich sich leise heran und wuchs mit jedem Herzschlag. Immer wieder drangen entfernte Stimmen zu ihr durch, aus dem dunklen Nichts, ohne dass sie erkennen konnte, woher sie kamen… sie hallten wie Echos um sie herum. Anfangs undeutlich und verzerrt, wurden sie mit jeder Ann?herung dunkler, bedrohlicher. Eine G?nsehaut überzog Emmanline und egal wie sehr sie sich dagegen wehrte… sie konnte das Gefühl nicht abschütteln.
Dann machte die Trauer und der Schmerz Platz für die Dunkelheit, die sie umgab. Emmanline konnte nichts sehen, doch das war in diesem Moment unwichtig, denn die Stimmen wurden immer lauter… durchdringender. Sie hockte sich schützend zusammen, hielt sich ihre spitzen Ohren zu und wiegte sich vor und zurück, sodass ihr schneewei?es, langes Haar sich um ihren K?rper schmiegte. Doch nicht nur die Stimmen qu?lten sie… auf ihrer Haut spürte sie, wie hunderte unsichtbare H?nde oder Spinnen über sie krabbelten. Ihr Herz raste, ihr Atem stockte, ihr ganzer K?rper zitterte. Nein, so durfte es nicht sein. Mit einem Ruck richtete Emmanline sich auf. Sie hatte sich geschworen, nie wieder klein beizugeben... niemals zu fliehen. Es war Zeit… ihre Augen zu ?ffnen und sich dem zu stellen, was vor ihr lag.
Als Emmanline ihre silbernen Augen ?ffnete, war die Dunkelheit verschwunden. Vor ihr breitete sich ein Anblick aus, der sie tief erschütterte. Hitze umhüllte sie, Flammen loderten überall. War sie in der H?lle? Fassungslos stand Emmanline mitten im Fegefeuer, doch nichts verbrannte sie. Die Hitze war intensiv, als würde sie beinahe verbrennen, und doch blieb sie unversehrt, als sie auf ihre nackten H?nde, Arme, Beine und Fü?e starrte. Langsam nahm sie ihr Umfeld wahr, ohne Orientierungspunkte. Selbst ein paar Drehungen um die eigene Achse brachten keine Klarheit. Emmanline erkannte, dass sie nicht vollst?ndig in dieser H?lle war... durchscheinend existierte sie hier… schwerelos, schwebend leicht und doch alles spürend.
Was geschah hier? Ein Alptraum? Ein Gespinst ihres Verstandes?
Trotz aller Zweifel wagte Emmanline ein paar Schritte vorw?rts. Die Flammen züngelten um sie herum, unversehrt, als wollten sie sie zugleich verschlingen und schützen. Sie stand mitten in einem Flammenmeer, das paradox und widersprüchlich war… t?dlich und doch harmlos zugleich. Emmanline setzte einen Fu? vor den anderen und folgte der Flamme, die zur N?chsten führte. Ein unsichtbarer Sog trieb sie voran, als würde sie von einem magnetischen Ziel angezogen, ohne zu wissen… wohin sie ging. Jeder Schritt fühlte sich an, als w?re er von einer unsichtbaren Hand geleitet.
Pl?tzlich zog ein unglaublicher Sturm auf. Emmanline k?mpfte dagegen an, doch der Wind entwickelte sich zu einem brausenden Feuertornado. Entsetzt schnappte sie nach Luft, riss schützend die Arme vor die Augen, aus Angst, in den Flammen zu ersticken. Doch ihr geschah nichts. Ihr langes schneewei?es Haar peitschte zwischen der fliegenden Glut, das leichte schwarze Kleid umschlang ihren K?rper, und dennoch blieb sie unversehrt. Dann, so abrupt wie der Feuersturm gekommen war, verschwand der Tornado... als h?tte es ihn nie gegeben. Lautlos und still.
Vorsichtig senkte Emmanline die Arme, wartete, ob noch etwas folgen würde, und bemerkte, dass die Hitze deutlich nachgelassen hatte. Die Flammen flackerten noch, aber nicht mehr bedrohlich. Vor ihr hatte sich ein neues Bild aufgetan… der Himmel blutrot, die Erde glühende Kohlen mit kleinen Flammenzungen soweit das Auge reicht, und in der Mitte stand ein riesiger Baum. Sein Stamm war unbeschreiblich dick, die ?ste weit verzweigt, die Wurzeln m?chtig und tief verwurzelt. Doch kein einziges Blatt zierte ihn… vollkommen ausged?rrt, unpassend für diese Feuerlandschaft. Wasser h?tte sofort verdampft, Trockenheit h?tte ihn l?ngst versengt.
Emmanline hatte so etwas noch nie gesehen. Aus ihrem Inneren stieg ein Gefühl von Mitgefühl, Schmerz und Trauer auf. Der Baum strahlte reine Einsamkeit, Leid und Sehnsucht aus… als rufe er nach ihr. Schmerzhaft rieb sie sich eine Hand über die Brust, wo ihr Herz rasend schnell schlug. Wie konnte ein so m?chtiges Wesen in einem Meer aus Flammen bestehen? Warum brannte er nicht? Warum war er nicht zerst?rt?
Unbewusst setzte Emmanline sich erneut in Bewegung. Lautlos und schwebend n?herte sie sich diesem au?ergew?hnlichen Baum, bis sie schlie?lich direkt vor ihm stehen blieb. Sie blickte nach oben, doch selbst jetzt konnte sie die Kronenspitze nicht erkennen. Erst aus dieser N?he erkannte sie, wie dicht die ?ste verzweigt waren, wie von Rissen durchzogen der Stamm wirkte und wie die massiven Wurzeln sich aus der glühenden Erde erhoben. Vor diesem Baum kam Emmanline sich winzig klein vor… wie die kleinste Ameise, ein Nichts im Vergleich zu ihm. Dieses Gefühl lie? sie noch kleiner werden als zuvor. Doch was Emmanline mehr als alles andere faszinierte… war die Bewegung. Das Ge?st wogte stetig, nicht durch Wind, sondern weil es wuchs... immer weiter… immer h?her verzweigten sich die ?ste dem feurigen Himmel entgegen, als w?re Stillstand für dieses Wesen unm?glich.
?Unglaublich“, flüsterte Emmanline ehrfürchtig, vollkommen von dem Anblick eingenommen.
Je l?nger sie den Baum betrachtete, desto mehr ver?nderte er sich. Die Risse im Stamm wurden gr??er, tiefer… und aus ihnen trat eine dunkle Flüssigkeit hervor. Ein beunruhigendes Gefühl beschlich Emmanline… als würde der Baum weinen. Keine salzigen Tr?nen… sondern Blut. Schockiert starrte sie auf die blutrote Flüssigkeit, die langsam am Stamm hinab floss. Panisch machte sie zwei Schritte rückw?rts. Sie verstand nicht, was hier geschah. Das hier musste ein Alptraum sein. Es konnte nichts anderes sein.
Doch Emmanline konnte sich dem nicht einfach entziehen. Obwohl sie fliehen wollte, obwohl ihr Instinkt schrie, sich umzudrehen und davonzulaufen, gehorchte ihr K?rper nicht mehr. Wie eine Marionette bewegte sie sich wieder auf den Baum zu, hob langsam ihren rechten Arm. Emmanline versuchte zu schreien, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Zitternd, von Panik erfüllt, musste sie sich fügen.
Alles geschah pl?tzlich viel zu schnell. Ihre Finger berührten zuerst das raue Geh?lz einer Wurzel, dann folgte ihre ganze Handfl?che. Eine unsagbare Kraft durchstr?mte ihren K?rper. Hitze breitete sich wie ein Feuersturm in ihr aus, ihr Blut fühlte sich an wie flüssige Lava in ihren Adern. Emmanline stand in Flammen… wurde von ihnen verschlungen, und doch verbrannte sie nicht.
Emmanline versuchte, sich dem Baum zu entziehen, doch es war zwecklos. Sie war vollkommen ausgeliefert und musste sich dem ergeben, was hier mit ihr geschah. Wie lange konnte sie das noch ertragen? Eine weitere Welle dieser gewaltigen Energie schoss durch Emmanline hindurch, doch diesmal war es anders… als würde etwas Enormes in ihren Leib übertragen. Sie konnte es nicht benennen, doch es klammerte sich an sie wie Klauen, riss sie mit sich und das unaufhaltsam. Erbarmungslos wurde Emmanline niedergerungen, ihre Knie gaben nach, w?hrend sie den Kontakt zu dem Baum nicht l?sen konnte. Ihr Atem kam nur noch sto?weise, die Luft… der Sauerstoff reichte nicht mehr. Sie musste atmen, sonst würde sie ersticken. Ihr Herz h?mmerte verzweifelt, k?mpfte um jeden Schlag. Sauerstoff… sie bekam keinen.
?Nein“, kr?chzte Emmanline heiser. Es musste aufh?ren, sonst würde sie in den Flammen ertrinken, die um sie herum immer heftiger zu lodern begannen. Mit einem schmerzhaften Ruck wurde sie von dem Baum weggerissen. Nein … als würde sie fortgeschleudert.
Mit einem erstickten Schrei wurde Emmanline aus diesem furchtbaren Alptraum gerissen. ?Emmanline?“, h?rte sie weit entfernt eine m?nnliche Stimme. ?Verflucht, wach auf.“ Die Stimme schrie. ?Atme.“ Befahl er. Auf einmal schnappte sie verzweifelt nach Luft… Sauerstoff str?mte sto?weise in ihre Lungen, und ein weiterer Ruck durchfuhr ihren K?rper… sie war endgültig wach.
?Was?“, zuckte Emmanline zusammen. ?Wo …“, sofort wurde sie in starke Arme gerissen, und der K?rper, der sie hielt, schien zu beben. Automatisch schmiegte sie sich tr?stend an ihn... genau das… was sie jetzt dringend brauchte, um ihr rasendes Herz zu beruhigen. ?Lucien“, flüsterte Emmanline und vergrub sich so nah in ihm, als wollte sie sich in ihm verkriechen. Nur er konnte ihr den Halt geben, den sie so dringend brauchte.
?Was… was ist mit dir geschehen? Oh verdammt… mir ist es eiskalt den Rücken runtergelaufen. Noch eben hast du friedlich in meinen Armen geschlafen und pl?tzlich hast du geschrien.“ Verzweiflung lag in seiner Stimme, was seine Umarmung nur best?tigte.
?Ich wei? es nicht.“ Emmanline klammerte sich fester an ihn. ?Ich wei? es… nicht.“ Ihre Stimme verlor die Kraft, ihr Herz raste wie ein wild gewordenes Pferd, ihr K?rper zitterte und ihr wurde schlagartig kalt.
?Pssst…“ versuchte Lucien sie zu beruhigen. ?Alles wird gut. Es ist vorbei.“ Er streichelte sanft über ihren Rücken und sandte warme Wellen durch ihren K?rper. ?Ich bin hier. Dir wird nichts mehr geschehen.“
Doch Emmanline spürte, dass etwas sich unwiderruflich ver?ndert hatte... etwas, das sie noch nicht begreifen konnte. ?Halt mich“, bat sie ihn.
?Immer“, hauchte Lucien und drückte ihr einen langen Kuss auf ihr wei?es Haar… eine Z?rtlichkeit, in der sie sich vollkommen vergrub.
Es dauerte eine Weile, bis Emmanline sich einigerma?en beruhigt hatte. Sie wusste nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen waren… doch sie hatte es dringend gebraucht, und Lucien war bei ihr geblieben, hatte sie gehalten und geduldig gewartet. ?Lucien“, wiederholte sie seinen Namen flehend und rückte von ihm ab, um in sein beruhigendes, markantes Gesicht zu sehen. Ihr silberner Blick traf seinen goldenen, und seine Augen wirkten tr?stend auf sie, erdete sie wieder und brachten sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Dieser Mann gab ihr einen festen Stand, sodass sie nicht fortgerissen werden konnte.
Luciens H?nde legten sich auf ihre Wangen, und sein Blick begegnete ihr mit tiefer Sorge. ?Du hast einen Alptraum gehabt.“
Warum konnte Emmanline ihm nicht zustimmen, dass es… ein Alptraum gewesen war? Ihr Mund bewegte sich einfach nicht. ?Ich… ich wei? es nicht.“ Sie schmiegte sich in seine warmen H?nde. Wie tr?stend sich das anfühlte.
?Was hast du gesehen? Sprich mit mir, meine Sch?ne“, forderte Lucien sie auf. Solange Emmanline in seine glimmenden Augen schaute, hatte sie das Gefühl, alles ertragen zu k?nnen.
?Ich kann es nicht… genau sagen. Erst hat mich die Dunkelheit umgeben, und… dann waren wieder die Stimmen da. Sie haben mich verfolgt.“ Emmanline musste hart schlucken. ?Ich habe versucht… mich vor diesen verzerrten Stimmen abzuschotten, aber es half nichts. Sp?ter, als ich meine Augen ?ffnete… stand ich in einem riesigen Flammenmeer, soweit meine Augen sehen konnten.“ Leichte Berührungen auf ihren Wangen beruhigten Emmanline, als Lucien mit seinen Daumen darüber strich. Es gab ihr Kraft. Kurz leckte sie mit ihrer Zunge über ihre trockenen Lippen. ?Es war furchtbar hei?, aber ich konnte… nicht verbrennen. Das Feuer konnte mir nichts anhaben. Pl?tzlich entstand ein riesiger Feuersturm, der ebenso schnell verschwand… wie er gekommen war. Doch dann ?nderte sich etwas Entscheidendes. Die Flammen wurden gedimmt, der Himmel blutrot, der Boden glühend wie hei?e Kohlen. Aber das war nicht das, was meine Aufmerksamkeit erregte. Mitten in all der Hitze stand ein… riesiger Baum.“
?Ein Baum?“ Lucien runzelte die Stirn und musterte sie aufmerksam, aber nicht abwertend. Sondern dieser Mann interessierte sich wirklich dafür, was sie gesehen hatte… ohne sie l?cherlich zu machen.
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?Ja. Ich verstand zun?chst nicht, wie ein… ausgetrockneter Baum dort überleben konnte“, meinte Emmanline und runzelte nachdenklich die Stirn. ?Er war monstr?s, die Rinde weinte blutrote Tr?nen, die ?ste wuchsen und verzweigten sich stetig. Es wurde immer dichter, dass ich kaum noch hindurchsehen konnte. Etwas dr?ngte mich, ihn zu berühren, und… ich tat es. Pl?tzlich durchstr?mte mich eine gewaltige Kraft, die mich niederstreckte. Es war, als würde etwas in mir flie?en. Kaum, dass ich mich versah, wurde ich zurückgeschleudert… und dann wachte ich auf.“ Ein Schauer durchfuhr sie erneut.
Wieder riss Lucien Emmanline in die Arme und schützte sie wie ein undurchdringbares Schild. ?Es ist vorbei. Du bist wieder hier. Es war nur ein Alptraum.“
?Aber warum fühlt es sich dann nicht so an? Irgendwas ist passiert. Etwas hat sich ver?ndert“, widersprach Emmanline ihm… ohne wirklich eine Erkl?rung dafür zu besitzen und lehnte sich an seinen machtvollen K?rper.
Lucien
Beinahe w?re Luciens Herz in die Hose gerutscht. War Panik jetzt sein st?ndiger Begleiter, wenn es um Emmanline ging? Bis eben hatte er noch seelenruhig mit ihr geschlafen, als sie pl?tzlich anfing zu schreien. Sofort hatte er sich hochgerissen und versucht, sie wachzurütteln. Ihr ganzer K?rper zitterte, er war hei?, als würde sie in Flammen stehen. Jetzt, wo Emmanline ihm erz?hlte, was sie gesehen hatte, wurde ihm schlagartig bewusst… warum. Auch wenn Lucien es nicht sehen wollte oder zugeben konnte, hatte sie Recht. Etwas war passiert… etwas hatte sich ver?ndert.
?Egal, was kommen mag oder passiert, wir werden es schaffen“, versprach Lucien ihr, und es schien zu reichen, denn etwas entspannte sich in ihrem zarten K?rper. ?Komm, lass mich dich etwas verw?hnen.“ überrascht schaute Emmanline ihn an, und Lucien musste einfach schmunzeln. ?Nicht, was du denkst. Warte einen Augenblick.“ Er lie? von ihr ab, stand auf… nackt, und lief ins Bad. Auf die gro?e runde Badewanne zu, die genug Platz bot, sie zu zweit zu benutzen. Lucien lie? warmes Wasser hinein und gab ein beruhigendes, aromatisches Schaumbad dazu. Es tat für die Sinne gut… genau das, was Emmanline jetzt gebrauchen konnte. Zufrieden wanderte Lucien ins Schlafzimmer zurück. Am liebsten h?tte er aufgest?hnt, wie sie ihn jetzt anschaute... sinnlich und verlangend. Verflucht, seine Knie würden jeden Moment einknicken, und er würde sie auf Knien anbeten. Aber das war nicht sein Plan. Auch wenn er erregt war und seine Gef?hrtin am liebsten nehmen wollte, würde er es nicht tun. Selbst als er ihre Erregung roch und das Verlangen in ihren silbrigen Augen sah, hielt Lucien inne. Kein Wunder, wie schnell sein Glied auf sie reagierte. ?Verflucht, Emmanline. Schau mich nicht... so an“, st?hnte er.
Unbewusst fuhr sie mit ihrer Zunge über ihre zarten rosa Lippen. ?Ich mache doch nichts“, keuchte Emmanline verwirrt auf und ihre Augen leuchteten wie flüssiges Silber auf.
?Und genau das ist es. Du machst nichts… und das reicht vollkommen. Dein Blick und dein Geruch machen mich so schon wahnsinnig genug“, knurrte Lucien und kam direkt auf sie zu. Er wusste genau, wie er wirken musste… wie ein Raubtier, das auf seine Beute zusteuerte. Aber er hatte einen Plan. ?Komm, ich habe dir ein Bad eingelassen. Das wird dir guttun.“ Er hob sie hoch, und sie schlang ihre Arme um seinen Hals, ihren Kopf auf seine Schulter bettend.
Im Bad angekommen, legte Lucien Emmanline behutsam ins warme Wasser, und sie seufzte wohlig auf. Kurz darauf stieg auch er in die Wanne, setzte sich hinter sie und zog sie an seine kr?ftige Brust, seine Arme schützend um sie geschlungen. Ihre Haut war zart und weich, ein deutlicher Kontrast zu seiner eigenen, w?hrend ihr schneewei?es Haar, nun nass, an ihrem K?rper klebte. Ein würziger Duft stieg ihm in die Nase, bes?nftigte seinen Drachen ebenso wie ihn selbst. Zufrieden lehnten sie sich zurück und genossen diesen ruhigen, beinahe kostbaren Moment. Zum ersten Mal seit Langem konnte Lucien für einen kurzen Augenblick abschalten, den Kopf zurücklegen, ohne dass ihn die Last der Verantwortung und all die drohenden Probleme erdrückten. Er wusste, dass dieser Frieden nicht von Dauer sein würde, dass ihm sp?ter noch genug Zeit blieb, sich allem zu stellen. Solche Augenblicke waren selten, besonders mit Emmanline an seiner Seite. Was ihn seufzend, wohlig seine rechte nasse Hand durch sein noch trockenes schwarzes Haar zurückstreifte... seine Augen genüsslich geschlossen.
?Ich werde es machen“, sagte Emmanline pl?tzlich in der gemütlichen Stille. Ohne eine Emotion daraus zu h?ren.
Lucien schreckte aus seinen Gedanken auf und ?ffnete seine Augen wieder. ?Was wirst du machen, meine Sch?ne?“
?Helfen. Informationen über Culebra geben. Alles, was... nützlich ist.“ Emmanline wandte ihren Kopf zu ihm und sah ihn entschlossen an.
?Bist du dir sicher?“, fragte Lucien verwirrt nach und er wollte sie nicht in eine Lage setzen, die sie vielleicht wirklich nicht wollte.
Emmanline nickte best?tigend. ?Ja, bin ich.“
Lucien zog sie noch enger an sich, bettete sein Kinn auf ihrem Kopf. ?Ich verspreche dir, ich werde alles tun, damit er für das bü?t, was er dir und all den anderen angetan hat. Ich werde ihn zwischen meine Klauen bekommen und dafür sorgen, dass er seine gerechte Strafe erh?lt. Nie wieder werde ich zulassen, dass er in deine N?he kommt.“
Emmanline legte ihre H?nde auf seine, die sie fest umschlossen hielten. ?Auch wenn ich es kaum glauben kann, wei? ich doch… wie ehrlich du das meinst.“ Ihre letzten Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, doch Lucien verstand sie dennoch vollkommen. Er musste nichts darauf erwidern. Sie beide wussten, wie tief all das reichte. Und so wie es schien, begann selbst Emmanline, ihre Verbindung zueinander nicht l?nger vollst?ndig abzuwehren. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit stiller Zufriedenheit. Lucien wollte keine Mauern mehr zwischen ihnen.
?Lucien.“ Emmanline z?gerte kurz. ?Ich habe eine… Bitte an dich.“
?Ja?“, ermutigte er sie, dass sie jederzeit alles aussprechen und fordern konnte.
?Wenn ich beim Ratstreffen dabei bin und euch helfe… m?chte ich nur anwesend sein, wenn es um Culebra geht. Bei allen anderen Angelegenheiten m?chte ich nicht dabei sein“, forderte Emmanline gerade heraus und ihr ernster silbrige Blick deutete nichts anderes.
Schockiert sa? Lucien im inzwischen lauwarm gewordenen Wasser. Sein Drache knurrte innerlich unzufrieden. ?Ich verstehe nicht ganz…“
?Ich sollte bei weiteren Gespr?chen nicht dabei sein. Es sind geheime Angelegenheiten, die unter euch bleiben sollen. Du musst mich verstehen, denn ich will für nichts verantwortlich sein, wenn etwas passiert. Ich stecke so schon zu tief drin und will es nicht noch komplizierter machen. Das kann ich nicht“, gestand Emmanline und sie sagte, dass mit einer Seriosit?t in ihrer zarten Stimme, die Lucien innerlich zerriss.
Lucien musste es respektieren, denn sie hatte ihn darum gebeten. ?In Ordnung“, sagte er ergebend.
Eine ganze Weile lagen sie schweigend beieinander, was Lucien sichtlich genoss. Doch irgendwann mussten sie diese Gemeinsamkeit beenden, auch wenn er es nicht wollte. Der Tag war l?ngst angebrochen, das spürte Lucien. Bald stand die Sitzung des Rates an, und sie mussten pünktlich sein, egal wie sehr er das hinausz?gern wollte. Also machten sie sich auf den Weg. Angezogen liefen sie durch die G?nge des Schlosses, Hand in Hand. Diese Vertrautheit tat ihnen beiden gut. Für ihn war es ein Gefühl der St?rke und des Stolzes, diese Frau an seiner Seite zu wissen. Emmanline machte ihn selbstbewusster, und allein der Gedanke, sie beschützen zu wollen, gab ihm Kraft.
Leicht in Gedanken versunken, spürte Lucien pl?tzlich einen kleinen Ruck an seiner Hand. Verwundert blieb er stehen und blickte zu Emmanline hinab, die stehen geblieben war. Ihre Aufmerksamkeit schien auf etwas gerichtet, und er folgte ihrem Blick. An einer Abzweigung, den rechten Gang hinunter, stand eine Drachin mit hellblondem, kurz geschnittenem Haar. Ihre Gr??e war für Drachenfrauen normal. Lucien erkannte sie sofort… Linava, die Gelehrte der jugendlichen Drachen. Auch Malatya geh?rte zu ihrer Gruppe. Linava war freundlich, liebte Kinder und strahlte Geduld aus, zugleich konnte sie sich sehr gut durchsetzen. Die Aufgabe zu lehren schien für sie geschaffen, und man sah, wie sehr sie Freude daran hatte. Sie geh?rte zu den mütterlichen Drachen, die alles zusammenhielten.
?Was ist los, Emmanline? Ist irgendetwas?“ Lucien drückte leicht ihre Hand und sah sie fragend an.
Emmanline schien aus ihren Gedanken gerissen. ?Oh, entschuldige. Nein, alles in Ordnung. Ich hatte gedacht… ich h?tte etwas gesehen.“ Leicht schüttelte sie den Kopf und lie? ihr schneewei?es Haar sinnlich wallen, was ihre spitzen Elfenohren zur besseren Geltung brachte. ?Wir k?nnen gehen.“
Lucien blieb einen Moment misstrauisch, doch er wusste, dass er dem sp?ter auf den Grund gehen würde. Das war sicher. Vor dem Ratssaal angekommen, blieb Lucien stehen und sah Emmanline an. ?Warte hier einen Augenblick. Ich werde dich gleich holen.“ Er gab ihr einen sanften Kuss auf ihre Lippen, bevor er den Saal betrat, die schwere Tür hinter sich schloss und den Blick über die versammelten Ratsmitglieder schweifen lie?. Sie mussten heute Morgen alle früh angekommen sein und nun sa?en sie an einem gro?en langen Tisch, doch kaum hatten sie seine Schritte vernommen, erhoben sie sich ruckartig. Es war ein Ausdruck ihres Respekts dem K?nig gegenüber, auch wenn viele von ihnen bei Weitem ?lter waren als Lucien. Dennoch verneigten sie sich vor ihm.
Mit gro?en Schritten trat Lucien an den Tisch heran, der mitten im gro?en Ratssaal stand und steuerte auf den wertvollsten Stuhl zu, der beinahe einem Thron glich und reich mit Gold verziert war. Wahrhaftig k?niglich… und ihm wurde bewusst, dass er heute zum ersten Mal darauf Platz nehmen würde. Zwar war er bereits seit Monaten K?nig unter den Drachen, doch bisher hatte er noch keine Ratsversammlung einberufen. Vielleicht war es genau deshalb an der Zeit.
?Setzt euch“, sagte Lucien ruhig und autorit?r, blieb selbst mit seiner m?chtigen Gestalt jedoch noch stehen. Sein schulterlanges, gewelltes schwarzes Haar fiel locker an seinem Gesicht herab, seine Augen in einem tiefen Rot leuchtend. ?Ich danke euch, dass ihr alle erscheinen konntet. Ich wei?, es ist sp?t für eine Ratssitzung, doch es ist vieles geschehen, das wir nicht unbeachtet lassen k?nnen. Ihr werdet über alles informiert werden und gemeinsam mit mir entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“ Sein Blick wanderte durch den Raum, und sofort war die volle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.
Als Drachenk?nig bildete Lucien den Mittelpunkt, w?hrend die anderen Ratsmitglieder die vier Himmelsrichtungen repr?sentierten: Tarana und Volteer für den Norden in Tarascon, Saphira und Darius für den Osten in Nascar, Lyndiana und Terrador für den Süden in Lacrier sowie Messuria und Darco für den Westen in Polarius.
?Es gibt mehrere Geschehnisse, die wir besprechen müssen, doch ich beginne mit einem Punkt“, fuhr Lucien fort. ?Es geht um Culebra.“ Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, erfüllten verabscheuende Laute den Raum. Wut, Zorn und Hass zeichneten sich auf den Gesichtern ab… Gefühle, die aus tiefem Verrat geboren waren.
?Was ist mit diesem Verr?ter?“ Terradors Stimme troff vor Hass.
?Ist er noch nicht krepiert?“, warf Volteer missmutig ein.
Weitere abf?llige Bemerkungen folgten, bis Lucien die Hand hob und die Stimmen verstummen lie?, weil er genug davon hatte. ?Nein. Er lebt noch immer, was mich mehr erzürnt, als ich es in Worte fassen kann.“ Seine Stimme war fest und knurrig. ?Culebra hat gro?en Verrat an uns begangen. Er war am Mord meines Vaters beteiligt, unseres damaligen K?nigs. Heimlich hat er sich eine eigene Armee aufgebaut, die nichts als Schrecken, Tod und Gewalt hinterl?sst. Sie t?ten unsere eigene Art und versto?en damit gegen das h?chste Gesetz und gegen s?mtliche Regel. Ohne Skrupel verführt er andere und giert allein nach Macht. Es ist an der Zeit, ihm das Handwerk zu legen, bevor es noch schlimmer wird. Culebra muss aufgehalten und vernichtet werden.“ Zustimmende Zurufe erfüllten den Saal.
?Und was schl?gst du vor?“, fragte Darius. Sein Onkel sa? zurückgelehnt, die Arme vor der Brust verschr?nkt und seine blassblauen Augen leicht verengt. ?Wie willst du diesem Bastard das Handwerk legen? Wir haben oft versucht, ihn zu t?ten, doch jedes Mal war er uns einen Schritt voraus. Er scheint unsere Vorgehensweisen genau vorauszusehen. Er ist nicht unvorsichtig.“
?Darius hat recht“, meldete sich Lyndiana zu Wort, die jüngere Schwester seiner Mutter Rhivanna. ?Charia jagt ihn seit Jahrzehnten. Warum schalten wir nicht Alastar ein? Er ist der J?ger, der Abtrünnige verfolgt.“
Lucien seufzte leise. ?Das tut er bereits. Doch selbst für Alastar ist es nicht einfach. Er muss viele jagen, manchmal überall zugleich sein. Unter Culebra gibt es zu viele Verr?ter, die ihn unterstützen, und auch sie müssen gestoppt werden. Alastar ist der einzige J?ger unter uns, und das reicht nicht aus. Wir müssen beschlie?en, weitere zu finden oder auszubilden. Mein Bruder ist ein starker Krieger und kennt keine Furcht, doch die Lage wird ernster. Etwas Unheilvolles kommt auf uns zu… nicht nur auf uns Drachen, sondern auf die gesamte Mythenwelt. Deshalb ist es ratsam, Culebra zuerst aus dem Weg zu r?umen.“
?Die Frage bleibt dennoch: Wie?“, meinte Darco einzubringen und sein Ausdruck in seinem Gesicht zeigte nicht mehr als Unglaube und Zweifel.
Lucien schwieg einen Moment, musterte jeden Einzelnen am Tisch, bevor er sprach. ?Ich werde euch jemanden vorstellen. Ihr habt sicher Gerüchte geh?rt. Ich wei? auch, dass viele von euch dagegen sein werden. Doch uns bleibt keine andere Wahl.“ Er entfernte sich vom Tisch, ging zur Tür und kehrte wenig sp?ter mit Emmanline zurück. überraschtes Einatmen, erstickte Laute und gespannte Stille erfüllten den Raum.
?Eine… Elfe?“

