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2. 03.2 Beweise dich (Teil 2)

  ?Ich kann diesen Nestbeschmutzer nicht eine Sekunde l?nger bei uns aushalten! Seine Art, sein ganzes Gehabe, und das, obwohl er wissen müsste, was er uns allen, und vor allem dir damit antut!“ – ?Eleonore hat recht. Er ist einfach nur ein Idiot! Schmei? ihn raus, Mama! Tu es endlich! Es muss sein!“

  Emotional aufgewühlte Stimmen erreichten sein Ohr von einem Raum am Ende des Ganges. Alexander h?rte genau, was sie sagten. Ungeniert schritt er diesen dennoch weiter entgegen. Gerade erst war er bei der Pforte hereingetreten, war nach langer Zeit wieder heimgekommen. Und das war die Begrü?ung, die ihm zuteilwurde! Der Mann in milit?rischer Uniform stie? festen Schrittes weiter in das Innere der Residenz vor. Edle Beistelltischchen und niedrige Kommoden s?umten den Gang, dessen W?nde rote Wandtapete mit in Gold gehaltenen botanischen Designs darauf zierte. Die teuren Luster, die in regelm??igen Abst?nden von der Decke hingen, zogen kurz sein Augenmerk auf sich, dann setzte er seinen Gang in Richtung des Raumes, aus dem die Unterhaltung zu h?ren war, fort.

  Die Tür ins Zimmer stand weit offen. Marzia war die Erste, die ihren Bruder im Türrahmen dieser stehen sah. ?Alex!“, stie? sie schon beinah geschockt hervor. Infolge blickten auch seine andere Schwester und Mutter auf ihn hinüber. Irnfrid trug ein langes, türkises Kleid aus Seide. Ihr graues, schulterlanges Haar trug sie hier in ihren eigenen vier W?nden, entgegen ihrem üblichen ?ffentlichen Erscheinungsbild, offen. Marzia pr?sentierte sich auf dieselbe Weise und in derselben Kleidung, ja sogar in denselben Farben wie ihre Mami. In starkem Kontrast dazu stellte sich Eleonore in einem kurzen Kleid zur Schau, etwas, das in der ordanischen Gesellschaft als anzüglich aufgefasst wurde. Sofort brach die Unterhaltung der Damen bei seinem Erscheinen ab und eine peinliche Stille machte sich in der Stube breit.

  Der Kerl durchbrach diese als erster, indem er Folgendes ?u?erte: ?Hallo, Frau Mutter.“ Es war ein für die Umst?nde so simpler Gru?, dass diesen floskelhaft zu nennen, wohl eine überspritzung der Tatsachen gewesen w?re. Erst nach einer kurzen Sprechpause begrü?te er auch seine beiden Geschwister. Kalte Augen fielen von dem Uniformierten auf Irnfrid hinüber. Aus deren Augen spürte er, wie ihm eine Form von Ablehnung zurück und entgegengeworfen wurde. Augenblicklich begriff er da, wie der Hase lief. Mutters Gefühle waren hier noch geradezu unterschwellig im Vergleich zu der offensichtlich feindseligen K?rperhaltung, mit der ihm seine beiden Schwestern begegneten. Eigentlich wollte er ihnen die neue Auszeichnung, die ihm verliehen worden war, zeigen, doch angesichts der Stimmung entschied er sich dies nun sein zu lassen.

  Zur selben Zeit wollte er aber die Sache auch nicht einfach auf sich sitzen lassen. ?Zum Teufel mit all diesen Zweifeln!“, sagte er sich. ?Warum sollte ich mich für meine Erfolge sch?men müssen?“ Anschlie?end fuhr er dann tats?chlich damit fort ihnen mitzuteilen, dass er erfolgreich einen Aufstand weit unten bei Morlens niedergeschlagen hatte. Was sich im Gesicht der Frau, die ihn zur Welt gebracht hatte, abzeichnete, war allerdings keine Art der Anerkennung. Ganz im Gegenteil, kam ihm da eine Aura der Entt?uschung von dieser entgegen. Es schmerzte und kr?nkte ihn. Er war ein gro?er Heerführer, genauso wie sein Vater geworden, doch anstatt ihn dafür zu würdigen, wurde ihm nur Hass und Missgunst zuteil.

  Nachdem ihnen Alexander von seinen ?Heldentaten“ berichtet hatte, blickte Marzia skeptisch zu ihrer Mutter hinüber. Sie sagte aber nichts. Irnfrid schien noch am Abw?gen zu sein, was sie denn sagen sollte, beziehungsweise wie sie es sagen sollte. Da riss schlie?lich Eleonore der Geduldsfaden, und sie machte zuerst den Mund auf: ?Merkst du nicht, dass du nur ein Hampelmann für den Kaiser bist, wie du dich nur zum nützlichen Trottel für ihn machst?“ – ?Was?“, platzte die Emp?rung da lautstark aus dem gro?en Mann hervor. Sein Temperament gleichte dem seines Vaters gewaltig, was Marzia etwas einzuschüchtern schien. ?Ihr glaubt das doch nicht ernsthaft, oder?“ Amalie wandte ihren Blick ab. Die jüngste der Geschwister ergriff jedoch erneut das Wort und antwortete ihm: ?M?ge Frau Mutter nach all der Zeit vielleicht noch immer nicht den Mumm haben, es dir ins Gesicht zu sagen, aber ich schon. Du bist eine Schande für diese Familie!“ – ?Schande?!“, wiederholte der Krieger im J?hzorn, sein K?rper angespannt. Mit einem Fu? stampfte er wutentbrannt auf dem Boden. Alle anderen, au?er Eleonore, nahmen daraufhin etwas mehr Abstand zu ihm.

  ?Vater hat auch dem Erkorenen gedient, genau derselben Person! Er hat für ihn die Revolution zum Sieg geführt!“, gab er ihr dann zum Gegenargument. ?Das war noch eine andere Situation damals. Hast du etwa schon vergessen, dass der selbsternannte Melgar Papa damals sterben hat lassen?“, erwiderte ihm Eleonore. Ihr Bruder stimmte bei dieser Sache überhaupt nicht mit ihr überein und widersprach ihr: ?Das redet ihr euch doch nur selbst ein! Es war viel los damals, und trotzdem hat der Kaiser versucht Vaters Leben zu retten. Er kam nur zu sp?t, das war alles.“ Seine Schwestern schienen von seiner Aussage angewidert. Letztlich trat dann aber doch noch Irnfrid auf den Plan. Sie schaute ihren Jungen an und sprach: ?Ich glaube, dass es besser ist, wenn du nicht mehr hier mit uns lebst.“ Alexander versuchte seinen Zorn über das, was ihm gerade mitgeteilt wurde, nicht offen zu zeigen, doch war er nicht der stoische Gigant, der sein Vater einst gewesen war.

  ?Das haben dir doch nur die beiden hier eingeredet! Lass dich nicht so gegen mich aufhetzen!“ Irnfrid schwieg einen Moment, fasste dann aber doch noch ihren Mut zusammen, um ihm ihre Antwort zu geben: ?Nein, sie haben recht.“ über Eleonores Gesicht legte sich da ein selbstzufriedenes Grinsen, w?hrend Marzia eher ?ngstlich wirkte, da sie wahrscheinlich die Reaktion von Alexander fürchtete. ?Ich….also….Aah!“, stammelte der Milit?r da nur grimmig. Wutentbrannt trat er dann gegen einen der kleinen, schmucken Tische, wodurch die Vase, die draufstand, zu Boden fiel und in tausend Scherben zersprang. ?Nach allem, was ich für euch getan habe!“, brüllte er dann los, gefolgt von einigen weiteren Schreien, deren Inhalt sich in der Lautst?rke und den verwaschenen, emotional eingef?rbten Silben verlor. Dann trampelte er wieder hinaus aus dem Haus. Hier war er ja nicht mehr erwünscht.

  Die Stra?e zog sich endlos hin. Hinter ihm glitzerten im Licht der sich-r?tenden Abendsonne die dahinpl?tschernden Fluten des Duhn. Viel redete er nicht w?hrend seiner Reise, vor allem da die mysteri?se Begleiterin, die er zu seinem Glück aufgegabelt hatte, sich weigerte mehr als nur das allernotwendigste mit ihm zu kommunizieren. Deshalb schwelgte er nun oft in Tagtr?umen, die ihn meist Vergangenes wieder durchleben lie?en. Auch der Tag des Zerwürfnisses mit seiner Mutter und Schwestern war eine solche Szene, die ihn heimsuchte.

  Sie hassten ihn. Sie hassten ihn, weil er sich entschieden hatte Kaiser Melgar treu zu bleiben. Denn für sie war dieser Mann ein Objekt ihres Hasses geworden, gro?teils aus Gründen – zumindest wie Alexander es empfand – der hysterischen überspitzung und emotionalen Selbstt?uschung. Ihr Herrscher war kein ?netter“ Mann, damit hatten sie schon recht, aber er war sicherlich auch kein irrationales Monster. Und eines war auch klar: Melgar war unbesiegbar! ?Sich ihm aus gefühlsduseligen Gründen entgegenzustellen war sinnlos und h?tte nur in einer Sackgasse geendet. Frauen verstehen das einfach nicht. Sie sind viel zu emotional. Sich ihm anzuschlie?en ist die strategisch kluge Option hier gewesen“, dachte er sich. Er hatte damals, w?hrend der epochalen Ereignisse rund um Viktoria, die einmalige Chance bekommen, seiner Hoheit ganz nahe zu kommen, und dadurch gro? Karriere zu machen. Und diese Zukunftsaussichten hatte er nicht einfach wegwerfen wollen, nur um die Hirngespinste seiner Familie zu befriedigen!

  ?Nein, ich habe mich nicht mein ganzes Leben lang so hart abgerackert, nur um das alles dann in die Tonne zu schmei?en! Sicher nicht!“ General Kuhn hatte seit jeher daran gearbeitet ein ?echter Mann“ zu werden, allen zu beweisen, dass er seines Vaters würdig war. Es war ein Kampf unter widrigen Umst?nden für ihn gewesen. Er war noch nicht ganz dort, aber er kam seinem Ziel immer n?her. Deswegen hatte er sich auch für seine Ambition und gegen seine Familie entschieden! Keine Frau, keine Familie. Da war nur er und der ferne Gipfel, welchen er zu erstürmen suchte. Was auch immer geschehen mochte, er würde zum Obersten Marschall werden und diesen Balduin, dessen Sch?del nur Testamentsverse, und sonst nichts, enthielt, abl?sen. Weiter konnte er realistischerweise nicht aufsteigen. Seine Heiligkeit war, wie bereits gesagt, unantastbar. Aber weiter musste er auch nicht. Theodor Kuhn, seinem Idol, ebenbürtig zu sein, w?re schon die Erfüllung seiner Tr?ume.

  Und diese Tr?ume waren nun abh?ngig von einem einzigen Schmuckstück, diesem h?chstbegehrten Seelenamulett. Er brauchte es. Er musste es finden. Andernfalls würde man ihn nie zum Obersten Marschall ernennen. Der Rest seiner Familie war mit dem Kaiserhaus in Ungnade gefallen, was seiner Vertrauenswürdigkeit in den Augen der Statthalterin sicher nicht zutr?glich war. Des Weiteren war sein milit?risches Talent im Vergleich zu anderen Gener?len wohl eher dürftig, obgleich er immerzu erpicht war, anderen Leuten das Gegenteil weiszumachen. Sein einziger Weg an die Spitze war das Heilige Artefakt. Wenn er es Ihrer Majest?t retournierte, würde er sich damit verdient machen und folglich seine Loyalit?t unwiderlegbar beweisen k?nnen. Und wenn man ihm nicht gebührend für seine gro?en Taten anerkennen wollen würde, so würden sich für ihn noch andere Methoden der ?überzeugung“ mit einem Gegenstand, der ihn Zauberei wirken lassen konnte, finden lassen! Oder so stellte er sich das zumindest vor.

  Wie dem auch sei, Alexander ritt nun weiter seinem Zielort entgegen. Mittlerweile hatte es kr?ftig abgekühlt und er zog sich eine weitere Schicht über. Die maskierte Dame, die er im Schlepptau hatte, war ihm bezüglich des W?rmer-Anziehens schon zuvorgekommen. Und obwohl es nun des Abends wieder frisch wurde, war es bemerkenswert hei? für die Jahreszeit. Der General hatte sich den ganzen Tag über nur eine dünne Jacke anziehen müssen, und das, obwohl es tiefster Winter war und sie sich mittlerweile in den n?rdlichen Gefilden befanden! Es war unglaublich. So ein warmes Wetter hatte er in all seinen Jahren noch nie erlebt.

  W?hrend sie sich nun langsam, aber stetig der südwestlichen Küste Corakiens, welche nicht mehr recht weit vom Archfeld entfernt lag, ann?herte, sprach er diese Sache auch für seine Begleiterin an. Sie war so desinteressiert an dem Thema, dass sie noch nicht einmal auf seine Ansprache reagierte! ?Wie unh?flich!“, dachte sich der Typ da. Generell schien sie fast jede Kommunikation mit ihm zu vermeiden. Er empfand das als überaus verd?chtig. Warum half ihm die Dame? Und warum verbarg sie ihr Gesicht vor ihm? Diese Fragen besch?ftigten den gro?en Mann nun ungemein. General Kuhn vermutete, dass dies alles mit ihrer Identit?t in Verbindung stand. Sie wollte nicht, dass er wusste, wer sie war. ?Naja, kann mir eigentlich egal sein“, war der Schluss, den er aus dieser Erkenntnis zog. ?Ohnehin werde ich sie einfach stehenlassen und alleine zurückreiten, sobald ich das Amulett habe! Wie will sie mich denn mit ihren dünnen ?rmchen und ohne Waffe aufhalten?“

  Stolen from its original source, this story is not meant to be on Amazon; report any sightings.

  Am Horizont blinzelte das grelle Gelb der Sonne hervor. Es war ein kalter Morgen, obgleich er hier in dieser Jahreszeit eigentlich erheblich k?lter sein müsste. W?hrend sie geschlafen hatten, war ihr kleines Lagerfeuer ausgebrannt. Unter den ?sten karger, entlaubter B?ume mit tiefen Furchen in der Rinde ihrer dicken St?mme, wachten Alexander und die Unbekannte auf, tranken etwas Wasser, nahmen einen kurzen Bissen von ihrem Brot – aktuell ihr wichtigster Reiseproviant – und sattelten gleich wieder auf. Wenig sp?ter machte der lichte Wald, einer weiten, hügeligen Graslandschaft Platz. Welch ein idyllisches Fleckchen Erde. Jetzt war es so weit und sie konnten endlich das Meer in weiter Ferne ersp?hen. Ihr Ziel war nicht mehr fern. Eine Woche nachdem die Maskierte an ihn herangetreten war, waren sie nun fast angekommen.

  Das veranlasste diese schlie?lich und endlich ihrem ?Helfer“ mehr an Details über ihr Reiseziel und ihren Plan preiszugeben: ?Klause Brandenfels, nicht mehr lang, dann sind wir da.“ – ?Hast auch irgendwas Brauchbares zu sagen?“, blaffte der Kerl daraufhin, offensichtlich entnervt von dem Umstand ihrer bisher versiegelten Lippen. Zuerst war sie, vermutlich vor überraschung, kurz verdattert, entgegnete ihm aber dann: ?Ja, das habe ich. Der Ort, an dem wir bald ankommen werden, ist in der Steilküste, wie die Nistst?tte eines Papageientauchers, angesiedelt. Es gibt nur einen, sehr schmalen Pfad hinauf. Au?enseiter sind unerwünscht. Aber wenn ein hoher Milit?r der Heiligen Armee bei ihnen vorbeischaut, glaube ich nicht, dass sie sich trauen ihn, also dich, abzuweisen.“ W?hrenddessen gab ihr Alexander nur sporadische ?Mhm“s zur Antwort.

  ?Wenn du sie mit überzeugendem Nachdruck darum bittest, uns den Gegenstand, den man ihnen anvertraut hat, auszuh?ndigen, wird es sicher klappen. Was hier wichtig w?re, ist, dass wir ihnen glaubwürdig vermitteln k?nnen, dass wir im Dienste der Kaiserin“ – ?Statthalterin!“, korrigierte sie ihr Zuh?rer. Sie lie? sich aber nicht aus dem Konzept bringen und redete unmittelbar weiter: ?…stehen. Wir erz?hlen ihnen einfach, dass das Kaiserhaus seinen wertvollsten Besitz zurückverlangt, und dass die Handlanger des Kanzlers ihn gegen den Willen des Souver?ns hierher überstellen haben lassen. Wir sind blo? Boten, die ihn schlicht zurückholen sollen. Mit dieser Methode lie?en sich auch Gewalt oder vergleichbare problematische Komplikationen der Situation vermeiden.“

  Der Herr überlegte einen Moment und meinte dann: ?Sicher. Warum nicht? Machen wir das so.“ Das verwunderte die vorgeblich Namenlose, auch wenn sie es sich nicht anmerken lie?. Sie h?tte vermutet, dass General Kuhn hierbei eher seinen eigenen Sturkopf durchsetzen wollen würde. Natürlich war das für sie eine positive Entwicklung. Bald schon würden sie das Heilige Artefakt, welches die Seele Melgars enthielt, in ihren schmierigen H?nden haben. Und dann würden sie es gegen eine stolze Entlohnung wieder dem Kaiserpalast zurückgeben. Ja, das war definitiv der Plan…..

  Als sie dann die Küste erreichten, fiel ihnen direkt ein eindrucksvolles, natürlich geformtes Steintor, das selbst bei Ebbe von Wellen umspült war, auf. Dieses mit deutlichem Abstand am Kieselstrand entlang passierend, führte sie ihr ihr Weg schlie?lich zu den bereits erw?hnten Felsklippen. Gewaltig ragten diese vor ihnen auf. Ein senkrechter Anstieg direkt vom Meer und 70-80 Klafter hoch! Es war eine schwindelerregende H?he, die dieses Wunder der Natur aufwies. Und mitten IN dieser kletterte ein winzig schmaler Pfad die Felswand entlang. Er führte hinüber zu etwas, das man aus der Ferne kaum ausmachen konnte, n?mlich eine Behausung, die mitten in den Felsen hineingehauen war. Warum hier überhaupt jemals irgendwer hausen wollen würde, ging den beiden, die nun den Weg dorthin betraten, nicht ein. Das musste es aber auch nicht.

  Alexander lie? Sternschnuppe unten zurück und wanderte sicherheitshalber zu Fu? zur Klause hinauf. Die Frau, die ihn hierhergeführt hatte, blieb ihm hierbei nicht nur dicht auf den Fersen, sondern klammerte sich fest an den hinteren Teil von dessen Gürtel. Offenbar hatte sie Angst vor dem steilen Abhang zu ihrer Linken. Der Kerl empfand das als verst?ndlich, auch wenn er selbst nicht unter H?henangst litt. Heute pfiff zudem der Wind recht ordentlich hier an der Küste. Etwas langsam, aber doch, kamen sie schlie?lich bei einer superschmalen, von den Elementen abgewetterten Holztüre an. Der Mann klopfte mehrmals kr?ftig an. Gleich darauf schob jemand einen Schlitz auf, aus dem ein paar alte Augen hervorlugten.

  ?Ja? Was wollen sie?“ – ?General Alexander Kuhn ist mein Name!“, pl?rrte der Besucher, versuchend die starke Windb?e, die daherkam, zu übert?nen. ?Ich komme mit wichtigem Auftrag aus Meglarsbruck! Lassen Sie mich mal rein!“ Argw?hnisch betrachtete ein Gesicht, das von tiefen Falten übers?t war, den Ank?mmling von oben bis unten. Die Milit?rabzeichen fielen ihm auf. Dann lie? er ein leises Grummeln von sich und schob die Sichtluke wieder zu. Wenige Sekunden sp?ter machte man von innen den Riegel auf, und ?ffnete den Weit-Hergereisten das Tor. Nach Aufforderung traten die beiden dann ein.

  Es war ein eine sp?rlich ausgestattete Wohnstatt, die sich ihnen pr?sentierte. Am r?umlich stark begrenzten Steilhang entlang hatten sie ein paar winzige R?ume geschaffen, die von scheinbar zuf?llig gefundenen Steinen, welche man zu Zwischenw?nden aufeinandergeschichtet hatte, getrennt wurden. Die Fenster zum Ozean hinaus waren ohne Scheiben, und die einzigen M?bel waren ein kleiner Tisch, zwei Stühle und vier Pritschen zum Schlafen. Alles andere Hab und Gut lag entweder am Boden oder war auf Haken, die von der Decke hingen, aufgeh?ngt. ?Die meisten Leibeigenen in irgendeinem l?ndlichen Kaff leben wahrscheinlich besser“, ging es Alexander beim Anblick dessen durch den Sinn. Was für ein unscheinbares Versteck dies doch für das Amulett war!

  Die M?nche sahen auch nicht sonderlich gut betucht aus. Alle trugen sie nur einfache, braune Kutten, und alle hatten sie ihre K?pfe kahl rasiert. Weiter hinten konnte man sehen, wie nur ein einziger von den anderen drei Abgeschiedenen, die hier noch lebten, überhaupt in ihre Richtung schaute. Die anderen zwei sa?en am Boden und waren intensiv in ihre Lektüre vertieft, welche – wie sollte es anders sein – das Heilige Testament war. Man konnte sehen, wie sich die Lippen der M?nner best?ndig bewegten und für das Ohr nicht wahrnehmbar, Verse rezitierten.

  ?Guten Tag! Mein Name ist Pater Belenus. Was führt sie so weit her in unsere abgelegene Klause, Herr General?“ Der Angesprochene fackelte nicht lange herum und erwiderte dem alten Einsiedler sogleich: ?Wir sind von Ihrer Majest?t hierher gesandt worden, um den Gegenstand, den man euch zur Verwahrung anvertraut hat, wiederabzuholen. Er wurde von einem Beauftragten des Kanzlers, ohne die Zustimmung der Imperialen Statthalterin, an diesen Ort hier verfrachtet. Darum bitten wir Sie, uns diesen wieder zurückzugeben.“ Alexander dachte sich, dass er den Sachverhalt gut dargelegt hatte. Jedoch gab es da eine Sache, die er nicht bedacht hatte. ?Imperiale Statthalterin? Was ist das denn?“ Nicht nur der Krieger, sondern auch seine Begleiterin schien beim Vernehmen dieser Worte sichtlich zu verfallen. Diese Leute waren komplett abgeschnitten von der Au?enwelt. Sie hatten keine Ahnung, was überhaupt irgendwo in der Welt vor sich ging. Er h?tte einfach Kaiser sagen sollen, anstatt diese brandneue Bezeichnung für den einstweiligen nichtmagischen Herrscher des Heiligen Reiches zu verwenden.

  Das stellte ein Problem dar. Ein gro?es sogar. Augenblicklich war der Mann, der sie eingelassen hatte, skeptisch. ?Wissen Sie, ich würde da irgendeine Art von urkundlicher Best?tigung brauchen, wenn sie wirklich etwas von mir wollen“, teilte er den beiden Besuchern dann mit. General Kuhns Miene verfinsterte sich daraufhin schlagartig. Selbstverst?ndlich hatte er keine Urkunde. Und er würde sich auch nicht die Mühe machen, irgendeine anzufertigen. Gerade wollte die Dame hinter ihm, an ihn herantreten und ihm etwas vorschlagen, da rückte er pl?tzlich n?her an den Geistlichen heran und sagte ihm: ?H?r zu, alter Knacker! Ich habe keine Geduld für dumme Spielchen! Lass das Amulett rüberwachsen, oder ich werde es mir mit Gewalt einverleiben!“

  Der Kuttentr?ger sprang erschrocken zurück. Nun erhoben sich auch die anderen Bewohner der Eremitage und eilten herbei. Einen Augenblick grübelte der Kleriker über die Angelegenheit nach, wobei sein Blick auf das Schwert an Alexanders Hüfte fiel. Dann ?u?erte er aber: ?Niemals.“ – ?Alexander, warte!“, schrie die Frau auf. Doch bevor sie noch etwas Weiteres sagen konnte, zückte er schon seine Klinge. Ohne zu überlegen, ohne das geringste Z?gern, schlug der Milit?r drauf los. Der Erste war schnell gefallen, gebrechlich und in die Jahre gekommen, wie er war. Dann aber stürzten sich die zwei Jüngeren hier auf den Eindringling, w?hrend der Dritte in einen der hinteren R?ume lief. Eisen zischte, Blut floss und kurz darauf lagen zwei weitere Tote am Boden. Diejenige, die den Schl?chter hierhergeführt hatte, stand nur entgeistert und reglos da, unf?hig mit den Geschehnissen umzugehen. Der Krieger schritt nach hinten, um den Letzten von ihnen ausfindig zu machen. Im hintersten Raum entdeckte er dann einen kleinen Hausaltar, auf dem ein Schmuckstück mit einem wundersch?nen, dunkelblau funkelnden Stein darin, auszumachen war. Direkt davor hatte sich der M?nch mit einem spitzen Stab in H?nden aufgestellt, um es mit seinem Leben zu beschützen.

  ?Ein Speer hat eine gr??ere Reichweite als ein Schwert, das stimmt. Aber du musst auch wissen, wie man damit umgeht, Junge!“, belehrte ihn der General da auf mokierende Weise. Dann stürmte er auf ihn los, drückte die Waffe des Verteidigers mit blo?er Kraft beiseite und überw?ltigte ihn. Wenige Sekunden sp?ter war auch der letzte der Einsiedler hier Geschichte! Der Erbe Theodor Kuhns schien von all dem unberührt. Die K?mpfe und Schlachten, an denen er in seinem Leben bereits teilgenommen hatte, hatten ihn gegenüber solchen Dingen abstumpfen lassen. Sogleich begab er sich zu dem Heiligen Artefakt und betrachtete es. Da war ein geradezu mystisches Leuchten in dem Klunker. Davon verzaubert, schnappte er mit seiner Hand danach. Auch die geschockte Maskentragende kam da herein und erblickte das magische Objekt. Sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte.

  Alexander steckte es ein. Dann schmiss er eiskalt die Leichen der Geistlichen wortw?rtlich beim Fenster hinaus und übergab sie den darunterliegenden Fluten. Nach getaner Tat hielt er fest: ?Es ist schon sp?t. Am besten wir übernachten heute hier drin, und machen uns dann morgen auf den Rückweg.“ Die Frau brachte es nur zustande ein ganz mickriges ?in Ordnung“ hervorzusto?en. Er platzierte sich auf einer der minimalistischen Pritschen hier und nickte schon recht bald ein. Auch die Dame legte sich auf eine solche, entglitt aber nicht in die Welt der Tr?ume. Warum? War sie zu traumatisiert von dem, was sie hier miterlebt hatte? Das vermutlich auch, ja, aber dies war nicht der Hauptgrund, warum sie nicht einschlief. In Wahrheit wollte sie n?mlich nicht schlafen.

  Als der M?rder neben ihr von einem langen, anstrengenden Tag schlie?lich in tiefen Schlaf gefallen war, pirschte sie sich so leise wie m?glich an ihn heran. Langsam, behutsam holte sie das Seelenamulett aus dessen Tasche. ?Was für ein unvorsichtiger Hohlkopf!“, dachte sie sich, angesichts der Tatsache, dass er den Gegenstand noch nicht einmal um den Hals getragen hatte, wodurch dieser viel schwieriger zu stehlen gewesen w?re. Dann machte sie sich aus dem Staub. Im Licht des Mondes schlürfte sie ?ngstlich den schmalen Pfad in der Felswand hinab. Unten am Stand, wartete immer noch das Reittier des Generals. Sie setzte sich auf dieses und ritt damit davon, den Mann, ohne realistische Chance sie einzuholen, zurücklassend!

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