Das eigene Leben ist das gr??te Opfer, welches man erbringen kann. Gesegnet sind diese Lande durch das Blut der M?nner, die sich für eine Sache, die gr??er ist als sie selbst, für das Heilige Reich und damit auch für den g?ttlichen Willen, geopfert haben. Doch dieser Segen muss in wechselnden Abst?nden erneuert werden. Nachfolgende Generationen werden ihrer eigenen M?rtyrer Blut erneut vergie?en müssen, um uns wieder in Gottes Gnade zurückzubringen. Denn der Mensch ist verg?nglich, und nur Gott ist immerw?hrend. Gepriesen seien die M?rtyrer!
aus ?Die Kaiserchroniken“ von Melgar dem Gro?en (2te Fleischwerdung)
Eine kleine Gefolgschaft von schwarz bekleideten M?nnern trabte vom Norden heran. An ihrer Spitze ritt ein greiser Herr mit schneewei?em Haar und bitterem Blick. Auf ihrem Weg entlang der Via Sacra schoben sie sich an scharenweise Pilgern in wei?en Roben vorbei. Diese schenkten der Gruppe, die auf ihren Gew?ndern ein aufgeschlagenes Buch mit einem Olivenzweig links davon und einem Hammer rechts davon zur Schau stellten, keinerlei Aufmerksamkeit. Gerade hier waren allerlei Orden, religi?se Organisationen, Prediger und Astrelli zu finden, weshalb diese Ank?mmlinge keineswegs hervorstachen. Die nur ein paar Mann starke Clique durchquerte das historische Tor zur Altstadt, eben als die Morgenfanfare losging. Es begann mit dem Posaunen vom Grabestempel herab, gefolgt vom unregelm??igen Erschallen derselben Instrumente aus verschiedenen Gottesh?usern der Stadt, welches sich rasch zu einem dissonanten Klanggewirr vermengte.
Der alte Mann, der sein Grüppchen durch die engen Gassen hier lotste, schaute sich, wie viele andere, fasziniert zu allen Seiten um. Es war das erste Mal, dass er die Heilige Stadt mit eigenen Augen zu sehen bekam. Sein Ziel war klar, es war von überall aus zu sehen: Die Kuppe des Serapinal. Auf dem Weg dorthin wurde er immer wieder von dem gesch?ftigen Durcheinander der Menschenmengen in den Stra?en, von den beeindruckenden Sakralbauten, sowie den deftigen Essensgerüchen und fremdl?ndischen Blütendüften, die durch die Luft waberten, abgelenkt. Schlie?lich zerrten er und seine Kompagnons sich aber doch den Anstieg zum teleiotischen Heiligtum am Hügel hinauf. Schon unten am Südtor sah man die Wachen in Karogew?ndern stehen. Ganz oben konnte man die Sonnenfahne des Reiches am Masten wehen sehen. Als sie dann am oberen Plateau ankamen, brauchte der betagte Chef einen kurzen Moment zum Verschnaufen. Er zückte eine Flasche und nahm einen kr?ftigen Schluck davon, bevor er sie wieder wegpackte.
Seine Untergebenen standen derweil nur unt?tig herum und warteten auf ihn. Er lie? es sich nicht nehmen, pers?nlich den Obersten der Grabeshüter zu sich rufen zu lassen. Dann trat er an einen der Soldaten hier heran und sprach, stolz, aber mit rauer Stimme: ?He, hol mir euren Anführer her, Bürschchen! Wir von der Heiligen Gesandtschaft haben uns extra aus Ordanien zu euch herbemüht.“ Die Heilige Gesandtschaft. Der blo?e Name dieser Organisation trug jetzt wieder Hochachtung mit sich. Jedoch schien die Wache unschlüssig, sprach sie doch nur Camenisch. Erst nach dem man einen weiteren Mann hergeholt hatte, um mit der übersetzung zu helfen, wurde nach dem Kommandanten geschickt. Und bald darauf war der bestellte Herr eingetroffen. ?Jacobo Angeli, es ist mir eine Ehre, Eure Exzellenz!“, begrü?te der Camenier mit starkem Akzent ihn freundlich. Auch er trug mittlerweile die rot-wei?e Uniform der Karos. Zwar wirkte der Eingetroffene nicht sonderlich gut aufgelegt, gab seinem Gastgeber aber einen seri?sen, festen H?ndedruck und entgegnete ihm: ?Ulrich von Lohr hei?e ich! Die Ehre ist ganz meinerseits!“
Bemerkenswerterweise nutzte keiner der beiden den Standardgru? ?Preiset die M?rtyrer“. Sogleich begaben sie sich hinüber zu einem steinernen Tisch in pittoresker Lage unter einem Orangenbaum und mit einem gro?artigen Ausblick über die Stadtkulisse. Ulrich wirkte unleidlich, was sein Gegenüber auf die aktuell starke Hitze schob. Gleich nachdem sie sich gesetzt hatten, trank der Abgesandte schon wieder von einer Flasche, diesmal aber von einer kleineren, die er aus seinem Gewand hervorholte, nur um sie sogleich wieder darunter verschwinden zu lassen. Es war eine ganz eigene, weshalb Jacobo sofort begriff, worum es sich dabei handelte. Dem Anstand halber bot er dem Mann zwar trotzdem einen Tee an, da dies hier so üblich war, jedoch wurde dies, ohne mit der Wimper zu zucken, abgelehnt.
Dann gingen sie gleich zur Sache. ?Was ist der Grund für Ihren Besuch bei uns, Herr von Lohr?“ Der Mann, der von so vielen tiefen Runzeln überzogen war, dass man ihn mit einem verschrumpelten Apfel verwechseln konnte, antwortete: ?In Meglarsbruck hat sich Bedeutsames ereignet. Wenn Sie noch nicht von den Ereignissen erfahren haben,…… ach, egal! Alles, was sie wissen müssen, ist, dass ein vom Erkorenen verzauberter Gegenstand gestohlen und versteckt wurde. Und dieser k?nnte sich hier befinden. Hat vor zirka einem Monat ein verhüllter Reiter den Tempel hier aufgesucht und Ihnen etwas angedreht?“ Eine Mischung aus einem unterdrückten und einem süffisanten L?cheln wurde dem scheinbar immer noch missgelaunten Greis daraufhin entgegengebracht. Der Oberlippenbarttr?ger, den er gerade adressiert hatte, entgegnete ihm dann:
?Glauben Sie es oder nicht, aber wir sind im Bilde darüber, was sich in der Reichshauptstadt zugetragen hat. Und ja, wir haben Augenzeugenberichte von Leuten erhalten, die einen solchen Boten beim Einritt in unsere Stadt gesehen haben wollen.“ Der Greis h?rte ihm, als er das vernahm, nun genau zu. ?Wir sind Gerüchten, dass er das Objekt in eine der Untergrundkirchen hier in der Stadt gebracht haben soll, nachgegangen. Gefunden haben wir nichts. Ist auch wenig verwunderlich, haben wir sie doch erst vor wenigen Jahren fast vollkommen ausger?uchert.“ Der Kommandant sprach diese Dinge so beil?ufig aus, als w?ren sie normal. Infolge musste sein Fragesteller ihm natürlich eine Folgefrage stellen: ?Untergrundkirchen? So, wie diejenigen der Teleiotischen Kirche w?hrend der Usurpation der Alethiker?“
?Nicht ganz. Eigentlich überhaupt nicht so. Diese sind im Wesentlichen Kulte, die sich einfach nur Kirchen nennen, obwohl sie das nicht sind. Und ?Untergrund‘ deshalb, weil sie sich wortw?rtlich in den Katakomben unter der Stadt eingenistet hatten. Das ist jetzt allerdings schon vorbei. Diese Ratten haben wir und die Soldaten vom K?nigreich in einer gemeinsamen Gro?aktion dort unten in den Ruinen l?ngst vergangener Zeiten eingeschlossen, und haben alle Aus- und Eing?nge abgeriegelt, um sie auszumerzen! Von denen kommt keiner mehr raus, es sei denn als Untoter!“ Fasziniert lauschte ihm da der Alte, da er natürlich noch nie von den überresten vorangegangener Zivilisationen, auf denen man wortw?rtlich Teile des heutigen Galadea errichtet hatte, geh?rt hatte.
?Gefinkelte Herangehensweise. Wenn ich ein Ketzer w?re, würde ich mich auch dort zurückziehen wollen“, kommentierte der Heilige Abgesandte dazu. So als ob seine bisherige Unart nun auch auf seinen Gespr?chspartner übergegriffen hatte, schnauzte da Herr Angeli und meinte: ?Wie gesagt, diese Ratten haben wir bereits ausger?uchert! Aber es sind sicher nicht alle von ihnen tot. Sind sie nie. Ein paar bleiben immer über, und züchten dann wieder!“ Ulrich kratzte sich da in seinem unrasierten Gesicht, w?hrend der Anführer der Grabeshüter fortfuhr: ?Da wir keinerlei weitere Kunde von einem magischen Artefakt erhalten haben, gehe ich von zwei M?glichkeiten aus: Entweder es ist noch irgendwo dort unten, im endlosen Labyrinth der finsteren Eingeweide dieser Stadt, oder es ist von hier hinausgetragen und woanders hingebracht worden. Ich glaube eher an die zweite Variante.“ – ?Warum?“
?Weil wir im Nachhinein die Katakomben komplett durchsucht haben, um den Gegenstand vielleicht zu finden, und wir mit leeren H?nden davongegangen sind. Drum vermute ich, dass es zuvor schon irgendwer hinaus aus Galadea und an einen anderen Ort hier in Camenia gebracht hat.“ Sein Gegenüber knirschte erbost mit den Z?hnen und sagte darauf: ?Dann sind wir wirklich aufgeschmissen!“ Doch noch bevor er seinem ?rger über die Situation Luft verschaffen konnte, griff Jacobo gleich wieder ein. ?Nicht unbedingt. Wir wissen, um einige der Orte in l?ndlichen Bereichen, an denen sich diese Ketzer treffen und immer wieder organisieren. Meine Spione geben mir da schon ein recht gutes Bild der Lage.
Bisher haben wir nur noch nicht dort durchgegriffen, weil wir ja ?nur‘ die Beschützer des Heiligen Grabes sind, und unsere Aufgaben auf den Serapinal beschr?nkt sind. Der Einsatz im Untergrund war damals eine Ausnahme. Für den Rest Camenias w?ren eigentlich die k?niglichen Streitkr?fte zust?ndig. Aber die machen nicht recht viel. Das h?ngt damit zusammen, dass hier im Land in letzter Zeit generell recht wenig weitergeht oder überhaupt funktioniert. Seit der übernahme des Tempels hat sich in diesen Landen eine g?rende Legitimit?tskrise entwickelt, die selbst nach der Abdankung der alten Dynastie nicht sonderlich besser geworden ist. Also k?nnen Sie von der Armee hier nichts erwarten, glauben Sie’s mir.“
?Die übernahme des Tempels,“ wiederholte Herr von Lohr seine Worte. ?Bei uns gibt es eine Fülle an Gerüchten, oft recht unterschiedliche, darüber, was hier damals wirklich passiert ist. Sagen Sie mir, was sich wirklich zugetragen hat. Oder waren sie nicht mit dabei?“ – ?Oh, nein, durchaus! Ich war ganz vorne mit dabei, als es geschah!“, erwiderte ihm der Milit?r sogleich. ?Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen w?re, denn es war ein Ereignis, das einfach unvergesslich ist.“ Dann begann er ihm nachzuerz?hlen, was sich am Tag der Rückkehr des Allerheiligsten Tempels unter Melgarische Herrschaft zugetragen hatte:
If you find this story on Amazon, be aware that it has been stolen. Please report the infringement.
Es war früher Vormittag. Die Temperatur befand sich momentan im Bereich des Angenehmen, war weder warm noch kalt. Gleichsam war sie um diese Tageszeit aber im best?ndigen Zunehmen begriffen. Eine angenehme, zeitlose Ruhe herrschte hier ausnahmsweise einmal auf dem Serapinal. Bald schon würde aber wieder der gro?e Andrang der Pilger und Gl?ubigen, die diesen Ort hier immer in gro?er Menge aufsuchen, losgehen. Ich und meine M?nner lie?en den friedlichen Augenblick noch kurz verweilen, bevor wir den Zutritt zum Heiligtum er?ffneten. Eine sanfte Brise lie? da unsere Fahne hoch oben am Masten ein wenig umherflattern.
In dem Augenblick spürte ich, dass irgendwas Ungew?hnliches in der Luft lag. Zur selben Zeit nahmen es auch die anderen wahr, eine Art unsichtbarer Sog. Es war fast so, als ob jemand einen tiefen Atemzug nahm, und dabei die Atmosph?re um uns herum ausdünnte. Leider war es aber nicht auszumachen, woher er kam. Dann überkam alle ein übler Schwindel, der manche sogar auf die Knie hinunter zwang. Auch mir wurde übel. Es war so, als ob die Realit?t um uns herum zusammenbrach und die materielle Welt auf befremdliche Weise verformte und verzerrte. Dann, urpl?tzlich, krachte und schepperte ein Donnerschlag durch die Luft. Wie aus heiterem Himmel, war das Ganze aber gleich wieder vorbei, so als ob gar nichts passiert w?re. Jedoch war etwas sehr Gro?es passiert!
Eine Ebene unter uns, nur einen einzigen, l?ngeren Stiegenabgang hinab, waren sie auf einmal erschienen. Rot-wei?e Karos auf den Uniformen, alle die gleiche kurzgeschorene Frisur, todernster Blick und perfekt in Formation aufgestellt, stand da ein ganzes Bataillon mitten auf dem Serapinal! Vor allen anderen, primus inter impares, stand Seine Heiligkeit Melgar! Er strahlte unter allen hervor, wie die die Sterne in klarer Nacht, und das war nicht nur seiner von ihm emporsteigenden magischen Aura zuzuschreiben, sondern auch dem Selbstbewusstsein und der überzeugung, die er ausstrahlte. Seine Aureole war ein Himmelblau, wie die ruhigen Wasser in den Lagunen Elphias.
?Er kam an den Ort, zu dem Er ihn gerufen hatte, wo der Himmel der Erde am n?chsten ist. Und er ging durch das Tor im Osten, wie es einst vorausgesagt war. Denn er würde den Nabel der Welt für seinen Herrn reklamieren und den Beginn eines neuen Zeitalters der Hingabe zu Gott einl?uten.“ Dies war das Erste, was er uns mit seiner lauten Stimme verkündete. ?Ist das nicht ein Testamentszitat?“, fragte Ulrich daraufhin. ?Ja, das ist es allerdings.
Die blo?e Tatsache, dass sie hier waren, war schlichtweg unfassbar. Wir alle waren überw?ltigt von den Implikationen dieser Entwicklung. Vor uns stand derjenige, den wir damals noch als den Erhabenen bezeichneten. Diese Bemerkung veranlasste Ulrich, sich noch einmal zu erkundigen: ?Moment, also habt ihr den Erkorenen damals noch nicht so genannt?“ Worauf Jacobo antwortete: ?In den Augen des camenischen Zweigs des Teleiotismus war der Erkorene der ursprüngliche Melgar von vor fünfhundertundfünf Jahren. Alle Heiligen stammten von seiner Blutlinie ab. Nur er war heilig, und niemand, der nach ihm kam, konnte behaupten, ein solcher zu sein, da die Prophezeiung des Messias bereits erfüllt worden war. Natürlich ?nderte sich mit den Ereignissen dieses Tages alles, und die Kommune hier im Süden übernahm auch die Auslegung des Reiches bezüglich dessen, wer Kaiser Wenzel, der buchst?blich zu Melgar geworden ist, war.“
Das leuchtete dem Fragenden ein und er gab sich mit der erhaltenen Antwort zufrieden. Somit setzte der Kommandant seine Erz?hlung fort: ?Also, wir waren alle wie vor den Kopf geschlagen. Als wir dann aufgefordert wurden, uns friedlich zu ergeben, da er deklariert hatte, dass der wichtigste Tempel des Teleiotismus unter der Kontrolle des Von-Gott-Erkorenen stehen musste, erstarrten wir vorerst einmal. Die Eliteeinheiten des Heiligen Reiches, unter pers?nlicher Führung des Kaisers, waren hier, um uns zu erobern, wahrscheinlich sogar, um uns zu vernichten! So erschüttert wie meine Soldaten waren, so sehr konnte man ihnen aber auch ansehen, dass sie nicht einfach das Schwert ins Korn schmei?en würden. Eigenst?ndig und noch ohne Befehle erhalten zu haben, gingen sie dann dazu über, sich oben an der Treppe Schulter an Schulter aufzustellen, um den Reichsgardisten den Weg zum Allerheiligsten zu versperren.
Ich war so stolz auf meine M?nner. Doch all der Stolz war wertlos, wie sich herausstellen sollte! Von einem Moment auf den anderen war Melgar pl?tzlich verschwunden. Irritiert schaute ich mich um, erblickte ihn aber nicht gleich. Noch bevor ich ihn auf der Kuppel des Grabestempels ersp?hen konnte, ert?nte jedoch schon seine Stimme in meinem Kopf: ?Ich bin ein barmherziger Mann. Wenn ihr euch ergebt, werden wir euch nichts zuleide tun und ihr k?nnt einfach gehen.“ Dann sprach er explizit mich an: ?Kommandant Angeli! Wir haben uns bereits kennengelernt, wenn auch nur sehr kurz, sollten Sie sich noch daran erinnern k?nnen.“ Ich konnte mich in der Tat noch erinnern. ?Sie und ihre geeigneteren Untergebenen k?nnten sogar ihre Rolle hier am Serapinal beibehalten, wenn sie sich für die Kapitulation entscheiden. W?re das kein Angebot? Aber bedenken Sie, dass dies kein Spiel ist. Entweder ihr ergebt euch, oder ihr sterbt! W?hlt ehre Option also weise.“
Seine kalten Worte lie?en das Blut in meinen Adern zu Regen werden! Jeder hatte die Geschichten von den unm?glichen Taten seiner Heiligkeit geh?rt, mit denen er die Eliten Ordaniens unterworfen und jegliches Aufbegehren gegen sein Vorgehen zerschmettert hatte. Jetzt hatte er mit Zauberei all die riesigen Hindernisse, die er beseitigen h?tte müssen, bevor er unseren Hügel betreten h?tte k?nnen - den weiten Weg durch das K?nigreich, wo man ihm garantiert schon Truppen entgegengesandt h?tte, die Mauern und auch die Streitkr?fte der Stadt selbst – einfach so übersprungen. Er hatte nicht nur sich selbst, sondern ALL diese Krieger einfach direkt hierher……teleportiert. Ja, Teleportation nennt man das, glaube ich. Für uns war es eine extrem bedrohliche Situation, mit der niemand auch nur in seinen kühnsten Tr?umen gerechnet h?tte. Als ich ihm nicht gleich eine Antwort gab, schlussfolgerte Melgar, dass ich sein Angebot abgelehnt hatte. Folglich rief er dann vom Scheitelpunkt des Geb?udes aus voller Kehle herab: ?M?nner! Wir stehen im Dienst der Einheit, der Wahrheit und der Zukunft! Wir sind die Diener Gottes, und nur Ihn fürchten wir! Nehmt den Schrein ein! Koste es, was es wolle!“ Dann stürmte die riesige Menge an K?mpfern mit einem Mal zu uns herauf, laut, ?Ave Melgar!“, skandierend.
Aus einem spontanen Entschluss heraus, der von meiner Erfahrung herrührte, stand ich dann meinen M?nnern beiseite und instruierte sie die Stellung zu halten. Es war ein dummer Entschluss, der meinem Kriegerinstinkt, jegliche Furcht und jeglichen Zweifel zu unterdrücken, entsprang. Gleich darauf flog Seine Majest?t von hinten an unsere Aufstellung heran, und brach sie auf wie eine reife Kokosnuss, indem er meine Soldaten mit einem heftigen Windsto? auseinander- und wegschleuderte. Des Kaisers M?nner stürmten so wild wie eine Rotte Wildschweine heran, und warfen sich ohne jede Hemmung gegen die unsrigen Zerstreuten. Es war ein einziges Massaker! Diesen Umstand erkannte ich gleich. Und ebenso tat dies Melgar, weshalb er nur auf der Spitze unseres Fahnenmastes, auf dem er gelandet war, stehen blieb und die K?mpfe beobachtete, ohne ein weiteres Mal selbst einzugreifen. Mein erster Offizier fiel nur ein paar Schritte weg von mir, und ich konnte ihn nicht mehr retten. Verletzungen am Hals sind fatal, wie Sie wissen.
Schnell, sehr schnell d?mmerte mir, welch gro?en Fehler ich unbeabsichtigterweise hier begangen hatte. Nach nur zwei Minuten des Gemetzels, wandte ich mich um und seiner Heiligkeit zu, um ihm meine Kapitulation anzubieten. Er akzeptierte mein Flehen, ohne jegliche Genugtuung, ja ohne überhaupt irgendeine Emotion zu zeigen. So war es dann vollbracht. Ich hatte keine Wahl als mich zu unterwerfen. War ich schwach, ein Feigling? Vielleicht, aber dann sind alle anderen in ganz Kaphkos ebenso schwach und feige, denn es gab noch keinen, der sich dem Erkorenen erfolgreich widersetzen konnte! Nach gewonnener Schlacht, wurde unmittelbar die ?ffnung des Osttores befohlen und noch am selben Tag, wurde durch den zuvor zugemauerten Torbogen durchgebrochen und eine neue Passage geschaffen. Die Geschichte war rückg?ngig gemacht, vielleicht sogar korrigiert worden.“
Bei den letzten Worten, die er ?u?erte, nickte Ulrich nur noch automatisch unter wiederholten ?Mhm“s mit, und war offenbar nur noch bedingt geistesanwesend. Schlie?lich kehrten die beiden dann zurück zur Thematik des Ketzerkultes, der wom?glich im Besitz des Heiligen Artefaktes war. Diese Unterhaltung dauerte nun noch eine Weile, und Kommandant Angeli gestand ihm letztlich zu, sich die Angelegenheit des Rückholens durch den Kopf gehen zu lassen. Einfach rumsitzen und nichts tun war auch nicht drin. Danach hatte der Befehlshaber der Grabeshüter, jetzt eine Einheit, die formell in die Reichsgarde integriert war, noch anderen Gesch?ften nachzugehen und verabschiedete sich einstweilen h?flich, wie es für ihn üblich war.
Der Heilige Gesandte lie? es sich nicht anmerken, doch er sah eine verwandte Seele in Jacobo Angeli. Er konnte die schwere Entscheidung, die er damals treffen hatte müssen, nachvollziehen, das Gefühl den eigenen Stolz hinunterschlucken zu müssen, da es ohnehin nichts half. Er erhob sich und watschelte etwas seltsam vom Tisch weg. Auf der Fahnenstange war die goldene Sonne auf rotem Hintergrund gehisst. Heraldisch stand die Sonne für Gott, den Allm?chtigen, das Gold für die goldene Zukunft des Reiches und das Rot stand natürlich für das Blut, das die M?rtyrer vergossen hatten, was denn sonst. Der alte Mann bewegte sich langsam über diesen Platz am h?chsten Punkt der Heiligen Stadt. Seine Aufmerksamkeit fiel gar nicht auf das nach vierhundertfünfzig Jahren wieder ge?ffneten Tor am ?stlichen Fu? des Hügels.
Stattdessen flanierte er durch den heiligen Schrein gemeinsam mit einer Masse an Pilgern. In stiller Demut betrachtete er hierbei die gro?en Fresken von Melgar dem Gro?en, dem Originalen, an den W?nden. überlebensgro? hielt er darin seine H?nde über das Erdenrund. Diese Darstellung war als ?Pantokrator“ bekannt, ?Der Herrscher über alles“, ein wohl wenig subtiler Wink auf die absolutistischen Ansprüche seiner Hoheit. Heute wagte es niemand mehr diese herunterzuspielen oder als gr??enwahnsinnig zu beschreiben. Der wiederauferstandene Kaiser Melgar hatte schier Unm?gliches bewerkstelligt. Er hatte die Teleiotische Kirche wiedervereint und das Reich zu einem autorit?ren Koloss nie dagewesener Macht aufgebaut. Er hatte die K?nigreiche wieder dem Zentrum untergeordnet. Eine einzige Nation unter einem einzigen Gott.

