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2. 06.1 Bei Nacht und Nebel (Teil 1)

  Wenige Tage vor dem Gro?en Rat:

  ?Wo ist es? Wo in aller Welt nur k?nnte es versteckt sein?“ Ein kurzgewachsener Kerl mit goldblonden Haaren war gerade dabei einen gro?en Schrank zu durchwühlen, in dem unz?hlige, riesengro?e Pergamentrollen dicht an dicht übereinandergeschlichtet waren. All diese vorgezeichneten Zauberzirkel waren natürlich gut organisiert und durchnummeriert. Der Mann schaute nun, ob sich zwischen oder hinter diesen nicht noch etwas anderes, wonach er suchte, finden lie?. Sein Unterfangen blieb erfolglos. Dann sprang er aber ruckartig wieder aus dem M?belstück hervor und schloss die Türen dessen. Rizzo blicke hinter sich, da er glaubte jemanden kommen geh?rt zu haben. Offenbar war dies aber nur seine Einbildung gewesen. ?Sie k?nnte jeden Augenblick zurück sein. Ich verschwinde besser einstweilen, und mache sp?ter wieder weiter“, ging es ihm durch den Kopf.

  Was machte er hier denn überhaupt? Nun ja, der pers?nliche Berater der Regentin hatte sich im Geheimen in die Privatbibliothek Kaiser Melgars geschlichen, um den Gegenstand zu finden, den man hier irgendwo verborgen hatte. Ihre Hoheit war nicht bereit ihm zu verraten, wo genau das Versteck des Amuletts war, und Silke würde es ihm erst recht nicht sagen. Doch musste er es haben. Er MUSSTE! Weshalb? Die Antwort darauf war beim Reichskanzler zu finden. Dieser hatte dem Diener in seinen streng geheimen Plan, der vorsah das Heilige Artefakt verschwinden zu lassen, bis ein würdiger Nachfolger des Erkorenen ausfindig gemacht worden war, eingeweiht. Jetzt suchte der kaiserliche Berater das wohl wertvollste Kleinod der Welt, um es Seiner Exzellenz Peter Rubellio zukommen zu lassen. Jedoch schien es nun so, als ob sein Unternehmen nicht von Erfolg gekr?nt war.

  ?Gott im Himmel! Da habe ich schon den Befehl Ihrer Majest?t, dass die ehemalige Assistentin des Kaisers ihren Posten r?umen und ausziehen sollte, auf bewusst irreführende Weise übermittelt, damit ich die Dame noch ein paar Tage hierbehalten kann, um das Artefakt entwenden zu k?nnen, und dann finde ich es nicht! Was mach ich nur?“ Pl?tzlich ging die Eingangstür auf, und jemand trat ein! Natürlich handelte es sich um die Kaiserliche Assistentin für die Erforschung von Magie. Unmittelbar durchfuhr Rizzo da ein Schrecken und er versteckte sich hinter einem Regal. Die nichtsahnende Dame ging derweil einfach zu ihrem Arbeitstisch und begann etwas zu notieren. Er war (noch) nicht aufgeflogen. Um sicherzustellen, dass dies auch so blieb, schlich er nun ganz langsam und beh?big über den Parkettboden hinüber zur Türe. Mit ?u?erster Vorsicht drückte er dann die Türklinke nach unten und ?ffnete sie so sanft wie m?glich, um ja keine Ger?usche zu erzeugen. Es klappte. Durch den Türspalt quetschte er sich hinaus, und schloss das Tor dann ebenso vorsichtig, wie er es ge?ffnet hatte.

  ?Huh, überstanden!“, ging es ihm durch die Gedanken. Dann lief er aufgrund all der Aufregung davon. Als eine Dienerin, die um die n?chste Ecke kam, den Vorbeistürmenden und die wild hin-und herschwingenden, silbernen Quasten an seinen Gew?ndern sah, war sie doch verwundert, sagte jedoch nichts. Die einzigartige Aufmache des Kaiserlichen Beraters war auf ?hnliche Weise unverkennbar wie die des Kanzlers oder des verstorbenen Kaisers selbst. Jeder erkannte ihn damit auf den ersten Blick, was natürlich die Absicht dahinter war. Nichtsdestotrotz war Rizzo aber nur ein blo?es R?dchen im Getriebe des Reiches. Seine Wichtigkeit war nichts im Vergleich zu den beiden anderen genannten Figuren. Im Gegensatz zu diesen war er nur ein Gehilfe, ein Diener, jemand, der tat wie ihm aufgetragen. Und nun war ihm beim Plan des Erkorenen mitzuhelfen aufgetragen worden. Auch wenn dies im Widerspruch zu seinem Treueeid, den er der Statthalterin geleistet hatte, stand, so war es in seinem Herzen kein Verrat. Er war immer noch seiner Herrin treu. Doch auch sie war nur die Vertretung für den Von-Gott-Erkorenen, dem wahren Herrscher von Kaphkos. ?Ich bin immer noch ein treuer Diener!“ So rationalisierte er die Sache für sich.

  Sp?ter noch am selben Tag kehrte er zum Arbeitsplatz Silkes zurück. Diesmal klopfte er zuerst h?flich an, bevor er sich Zutritt verschaffte. ?Guten Tag, werte Frau! K?nnten Sie kurz etwas Zeit entbehren?“, sprach er sie an. ?Was gibt es denn?“, stellte sie dann die Nachfrage, w?hrend sie sich in ihrem Sessel zu ihm umdrehte. Gleich darauf sperrte der Bittsteller ihre Türe, in deren Schloss einfach der Schlüssel steckte, von innen zu. Dies verunsicherte die Dame. Jedoch versuchte er sie gleich wieder in Sicherheit zu wiegen und sagte: ?Sehr geehrte Frau Assistentin, seien Sie versichert, dass ich Ihr Verbündeter bin und Ihnen nichts B?ses will.“ – ?Aha?“, gab sie in verwirrtem Ton zurück. Woraufhin er fortfuhr: ?Fragen Sie nicht woher, aber ich wei?, dass das echte Seelenamulett irgendwo hier drin versteckt ist.“ Ihre Augen weiteten sich vor überraschung.

  ?Ich werde Sie jetzt in etwas einweihen, was mir eigentlich nicht erlaubt ist, da nur Auserw?hlte davon wissen dürfen. Kanzler Rubellio hat zu Lebzeiten des Kaisers von ihm einen geheimen Plan bekommen, der nach dessen Ableben auszuführen sei. Dieser beinhaltet das Entwenden und Verstecken des magischen Amuletts, damit niemand Unwürdiger es für sich missbrauchen kann, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Silke nickte nur kurz, so baff war sie, von dem was sie hier zu Ohren bekam. ?Leider Gottes ist uns nun aber die Zeit ausgegangen. Es ist allerh?chste Zeit, fünf vor zw?lf, um genau zu sein! Vor kurzem sind Sie ja von der Regentin von Ihrem Posten entlassen worden, durften aber einstweilen noch hier im Palast verweilen, und hatten weiterhin Zugang zu all Ihren R?umlichkeiten. In einem Gespr?ch mit Ihrer Majest?t wurde mir aber heute von Ihr befohlen, Sie sofort und auf der Stelle auf dem Palast zu beseitigen. Sie wissen ja, welch Abneigung Ihre Majest?t für Sie empfindet.“ Selbstverst?ndlich war sich die Intellektuelle dieses Umstandes vollends bewusst. ?Ich habe hier nun keine Optionen mehr. Somit m?chte ich Sie darum bitten, mir den Gegenstand auszuh?ndigen. Dies tue ich nicht für mich, ja noch nicht einmal für den Kanzler. Nein, im Namen Seiner Heiligkeit, denn dies ist Sein Wille, bitte ich Sie darum! Geben Sie mir, bitte, das Amulett.“

  Auch wenn ihre Haare immer noch nicht ergraut waren, so konnte man an den Kr?henfü?chen in ihrem Gesicht bereits deutlich ihre Alterung erkennen. Auch Silke war bereits im fortgeschrittenen Alter, wenn auch bei Weitem noch nicht steinalt, wie so mancher Backfisch bei ihrem Anblick wohl kindischerweise behauptet h?tte. Dennoch zeigten sich nun tiefe Falten auf ihrer Stirne. Dabei handelte es aber um Sorgenfalten. Die Dame faltete ihre H?nde und legte sie auf ihrem Scho?, w?hrend sie mit etwas geneigtem Kopf intensiv nachgrübelte. Schlie?lich erwiderte sie dem Mann: ?Haben Sie irgendeinen Beweis dafür, dass Sie tats?chlich im Sinne dieses angeblichen Plans agieren?“

  Unmittelbar adressierte Rizzo ihren berechtigten Zweifel da und gab ihr zur Antwort: ?Sie k?nnen den Herrn Kanzler fragen. Er wird es Ihnen best?tigen k?nnen. …… Naja, eigentlich würde das sehr schlecht für mich sein, da er dadurch erführe, dass ich Informationen über den streng geheimen Plan weitergegeben habe, was ich ja überhaupt nicht dürfte. Wenn es allerdings notwendig ist, um mein Vorhaben umzusetzen, dann ist mir dieses Opfer recht. Also richten Sie sich an Seine Exzellenz, wenn Sie es für notwendig erachten. Nur tun sie es heute noch.“

  ?Dr?ng die Zeit denn derartig?“, wollte die Frau da wissen. Er antwortete ihr: ?In der Tat! Sie müssen das Geb?ude heute noch verlassen. Die Wachen, werden bald schon da sein, um Sie, ob bereit oder nicht, rauszuschmei?en. Also machen Sie sich ran! Ihre Majest?t will Sie kein weiteres Mal mehr zu Gesicht bekommen!“ Die Dame schien wenig erfreut. In ihrer dunkelblauen Uniform – immer noch dieselbe, die sie seit Jahrzehnten trug – erhob sie sich aus ihrem Stuhl und legte ihm dann Folgendes dar:

  ?Nein, das geht nicht. Einerseits muss ich all mein Hab und Gut noch zusammenpacken, und andererseits muss ich auch noch den Wahrheitsgehalt Ihrer Behauptungen überprüfen. Ich kann die Seele meines Herrn nicht so einfach irgendjemandem aush?ndigen, selbst wenn dieser jemand der pers?nliche Diener seiner Ehegattin ist!“ – ?Haben sie etwa derart wenig Vertrauen in mich?“ – ?Damit hat es nichts zu tun. Auf pers?nlicher Ebene halte ich Sie nicht für unglaubwürdig. Nur muss ich mir ganz sicher sein bei dem, was ich hier tue. Sie versehen das doch sicher?“ Der Kerl best?tigte. ?Schauen Sie, bis morgen bin ich so weit. Ich werde Ihnen dann, bevor ich gehe, das gewünschte Objekt in einer Schachtel hier am Schreibtisch zurücklassen. W?re das in Ordnung für Sie?“

  Rizzo wog ihre Worte kurz ab. Dann antwortete er: ?Ich werde zusehen, dass die Garde sie erst morgen hinauseskortiert. Mehr geht wirklich nicht. Ich kann ihren Rauswurf allerh?chstens bis morgen Früh hinausz?gern.“ Wieder machte Silke da ein missmutiges Gesicht. Trotzdem bedankte sie sich der H?flichkeit halber bei dem Besucher, und bat ihn dann zu gehen. Das tat er dann auch. Nachdem er entschwunden war, begann sie sogleich ihre Unterlagen s?uberlich zu ordnen, und alles, was ihr hier pers?nlich geh?rte – und was sie auch realistischerweise mit sich nehmen konnte – zusammenzutragen.

  This text was taken from Royal Road. Help the author by reading the original version there.

  Danach ging sie hinüber in ihre Gem?cher und begann ihre Koffer zu packen. Es war hier viel zu viel, das sie besa?, und sie begriff gleich, dass sie nur das Allerwichtigste mitnehmen k?nnen würde. Gebeugt über eine Tasche, in welche sie soeben ein paar Strümpfe gepackt hatte, begann sie innezuhalten. Mit ihrer Hand griff sie nach dem Anh?nger, der um ihren Hals hing. Sie betrachtete ihn wortlos noch einmal. Er bildete eine teleiotische Triquetra ab. Nach einem Moment der Stille begannen dann unverhofft Tr?nen über ihre Wangen herunterzulaufen. ?So viele Jahre habe ich hier gedient!“, schluchzte sie. Dann riss sie es mit einem Ruck herunter und schleuderte es davon! Sie war eine kluge Frau. Und obwohl sie einen solchen Ausgang der Dinge erwartet hatte, übermannten sie nun doch die Emotionen. Dieser Ort hier war ihre Heimat, war wo sie hingeh?rte. Das Studium der Magie und all deren Geheimnissen war ihr Lebenszweck, ja gar der Sinn ihres Lebens geworden. Was würde sie ohne diese Aufgabe nun tun? Sie wusste es nicht.

  Schnell riss sie sich dann aber wieder zusammen. ?Fürs Erste muss ich mich noch um was anderes kümmern. Erst danach kann ich mir Sorgen um mich selbst machen!“, sagte sie sich. Den Kanzler würde die Frau nicht besuchen, so wie sie es angekündigt hatte. Sie war überzeugt, dass der Kaiserliche Berater ihr die Wahrheit gesagt hatte, denn sonst h?tte er ihr niemals das Angebot gemacht den Peter Rubellio diesbezüglich zu befragen. Nachdem sie mit dem Zusammenpacken in ihrem Zimmer fertig war, kehrte sie in die Bücherei zurück. Drau?en war es schon dunkel geworden, doch sie musste noch die Schachtel mit dem Amulett bereitlegen. Sie platzierte es fein, s?uberlich und parallel zur Kante auf der Tischplatte. Darin verstaut war ein Anh?nger mit irgendeinem durchsichtigen Edelstein, nicht das Heilige Artefakt! Was? Habt ihr etwa tats?chlich geglaubt, dass sie es ihm einfach so überlassen würde? Nein, sie hatte andere Pl?ne! Sie schnappte sich noch so viele Ingredienzen und Pergamentrollen, wie sie tragen konnte, und verlie? schlie?lich ihren ehemaligen Arbeitsplatz. Nach einem letzten, nostalgischen Blick zurück, schloss sie die Türe und versperrte sie.

  Ein letztes Mal machte sie sich noch einmal zu ihren Gem?chern auf. Alles, was sie konnte, würde sie jetzt zusammenraffen, hinuntertragen, und versuchen die Wachen zu überzeugen, dass diese sie hinauslie?en, um sich aus dem Staub zu machen, bevor auffiel, dass sie sich mit dem Seelenamulett davongemacht hatte. Voll beladen schwankte sie dann mühevoll auf den Gang hinaus. Da kam ihr eine Gestalt entgegen. Zwar sagte diese es nicht, doch Silke wusste, dass die Person hier von Rizzo beauftragt worden war, sie zu beschatten. ?Halt! Was glauben Sie, dass Sie hier machen, Frau von Dünewald?“, sagte er zu ihr. Sie aber gab ihm keine Antwort. Stattdessen pustete sie ihm pl?tzlich irgendeine seltsame Art von Puder entgegen. Dann sagte sie folgende Formel in einer anderen Sprache auf:

  ?Akouse ten ekklese mou. Sbese to parelthon. Anestrepse o, ti echei symbei, oste na men meinei tipota.“

  Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass der Berater Amalies jemanden schicken würde, um sie auszuspionieren, weshalb sie sich entsprechend vorbereitet hatte. Mit leerem Blick blieb der Herr stehen, machte keinen Mucks mehr und starrte nur in den Narrenkasten. Sie ging weiter und verschwand in die Dunkelheit. Kurz darauf zwang sich der Handlanger wieder zurück zur Geistesanwesenheit. Er schüttelte den Kopf, und schaute verwirrt umher. Dann ging er gem?chlich und scheinbar ziellos wieder den Gang hinauf.

  ?Eigentlich müsste er schon zurück sein, um mir Bericht zu erstatten. Wo bleibt der Typ denn schon wieder?“, wunderte sich Rizzo, w?hrend er im Kerzenschein noch ein Buch las. Schlie?lich wurde es ihm zu bl?d, und er stand auf, um zu schauen, wo sein Agent denn so lange blieb. Er schritt bei seinem Zimmer hinaus und, mit seiner Kerze in der Hand, den düsteren Korridor hinunter. Wenig sp?ter traf er dann den von ihm Beauftragten offenbar ganz durcheinander im Flur umherirrend an. Natürlich fragte er ihn gleich: ?Was machst du denn hier? Ich habe auf dich gewartet, wei?t du! Also, benimmt sich unsere liebe Assistentin eh?“ Der Kerl blickte ihn aber nur verdattert an, und entgegnete ihm dann: ?Ich wei? nicht, wovon Sie reden, werter Herr.“ Zuerst verwirrt, schlug Rizzos Gefühlslage gleich darauf in Zorn um. Er hatte keine Ahnung was genau hier vor sich ging, doch begab er sich gleich so schnell es ihm m?glich war zu Silkes R?umlichkeiten. Als er diese dann verlassen vorfand, übermannte ihn die Wut und er stürmte sofort hinunter, um die Verfolgung aufzunehmen! Erst sp?ter kam ihm in den Sinn, dass die Dame wom?glich die Magie des Artefakts benutzt haben k?nnte, um seinen Lakaien und die Wachen benebelt zu haben.

  Im Moment hatte er jedoch keinerlei Raum im Kopf für solche Gedanken. Sein ganzes Sein war jetzt nur auf seine Mission ausgerichtet. ?Ich muss sie aufhalten! Unter keinen Umst?nden darf sie mit dem Amulett davonkommen!“ Er hastete beim Palast hinaus, und gleich zu den Stallungen. Hier lie? er sich unter Hochdruck ein Ross – ?Einfach irgendeins!“, wie er dem schlaftrunkenen Zust?ndigen dort sagte – geben. Bevor er davonritt, wandte er sich aber nochmals an den Stallburschen, da ihm eingefallen war, dass er ihn um Silke von Dünewald befragen konnte. Leider schien aber auch dieser Bub rein gar nichts von dieser zu wissen. Frustriert, sauste er im Galopp davon.

  ?So schnell kann sie doch auch wieder nicht sein!“, spekulierte der Hofdiener da. ?Ihr ganzes Gep?ck wird sie sicher auch belasten und ausbremsen.“ Er schoss die breite Promenade entlang, was die wahrscheinlichste Route war, die sie wohl nehmen würde. Nur wusste er eben leider nicht, wohin sie danach abgebogen war. Zum Glück ersp?hte er dann einen einfachen Soldaten, der hier seinen n?chtlichen Patrouillengang machte. Er rief ihm zu und kam dann kurz vor ihm zum Stillstand. ?He, sag mir, hast du eine Dame mit kurzen schwarzen Haaren hier durchreiten sehen? Vermutlich trug sie eine dunkelblaue Uniform und kam aus derselben Richtung wie ich.“ Der Jüngling sah ihn momentan an und erwiderte dann: ?Ich habe eine Frau hier entlangreiten sehen, ja. Sie war nur zu schnell an mir vorüber, als dass ich sagen k?nnte, wie sie ausgesehen hat.“ Rizzos Enthusiasmus wurde dadurch noch umso st?rker angefeuert und er pl?rrte gleich zurück: ?Und wo ist sie hin?“ – ??hhmmm…..“ – ?Dalli, dalli, Junge! Ich hab keine Zeit! In welche Richtung ist sie geflohen?“ – ?Dort vorne rechts. Wahrscheinlich zum n?rdlichen Stadttor“, gab der Befragte etwas überfordert klingend zurück. ?Na geht ja. Danke! Tschau!“, antwortete ihm der Herr und war wieder seines Weges.

  Auch der Torw?rter, den er bald erreicht hatte, brachte ihm dieselbe Ahnungslosigkeit, dieselbe Erinnerungslücke entgegen, wie es bei den Leuten in Palast der Fall gewesen war. Hier jedoch waren auch noch andere Personen zugegen, und diese konnten ihm dann tats?chlich best?tigen, dass man hier erst vor wenigen Minuten eine Dame mit imperialen Papieren – als langj?hrige Assistentin Seiner Hoheit hatte sie alles, was sie hier ben?tigte – passieren hatte lassen. Ihr Verfolger fühlte sich nun best?rkt und bat auch um Passage, obwohl das um diese Uhrzeit normalerweise nicht gebilligt wurde. Sobald er aus der Stadt drau?en war, spornte er sein Reittier an. Wie wild hetzte er es nun die lange Reichsstra?e in der Finsternis hinunter.

  ?Ich h?tte ihr nicht trauen sollen! Nun ja, welche Wahl hatte ich denn? Wenn ich ihren Forderungen nicht nachgegeben h?tte, h?tte sie mir wahrscheinlich das Amulett gar nicht übergeben, und es stattdessen vielleicht sogar woanders versteckt, wo es keiner au?er ihr mehr finden würde k?nnen! Das h?tte dann alle Vorhaben des Reichskanzlers – welche im weiteren Sinne die des Erkorenen waren – zunichte gemacht! Und es h?tte dieser Frau au?erdem ein Druckmittel gegen das Kaiserhaus in die Hand gegeben! Nein, ich hatte keine Wahl, als das zu tun, was ich getan habe.“ über all das sinnierte nun Rizzo, w?hrend er gleichzeitig im Licht des Vollmondes vorangaloppierte. Der frische Wind zischte ihm um die Ohren. Selbst wenn er zu dieser Tageszeit sehr schlecht sehen konnte, so war er doch der Diebin dichter auf den Fersen als es ihm bewusst war.

  Er ritt und ritt, was das Zeug hielt, doch fühlte es sich für ihn nicht so an, als würde er zu seiner Zielperson irgendwie aufschlie?en. Hufe trampelten, der wind pfiff, und im Innersten wurde der Hofdiener immer und immer nerv?ser. ?Kann ich sie wirklich auf diese Weise einfangen? Was, wenn sie irgendwo hier einfach querfeldein abgebogen ist und nicht der Stra?e weiter gefolgt ist? Ich habe keine Ahnung von Spurenlesen oder ?hnlichem. Wie soll ich……“ Seine Fragen erübrigten sich, denn nun erhaschte er in einiger Distanz vor sich den ersten Blick auf eine berittene Person. Reden wir nicht lange um den Brei herum, es handelte sich hier um Silke! Sofort gab er seinem Pferd die Sporen und trieb es so weit an, wie es nur m?glich war. Die Dame bemerkte ihn natürlich und versuchte in ihrer Panik mit ihrem Gaul Ausrei? zu nehmen. Da begannen schon ihre Taschen und allerlei anderer Klimbim, der nicht gut genug festgemacht war, davonzufliegen und sich chaotisch zu verstreuen. ?Bleib stehen! Du kannst mir nicht entkommen! Halt an!“, schrie ihr der Mann da zu, aber natürlich h?rte sie nicht darauf.

  Er kam stetig n?her, und die Frau schien das in immer gr??ere Unruhe zu versetzen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Letztlich hatte er es bis auf ihre H?he geschafft. Er rief ihr dieselben Sachen wie zuvor zu, aber erneut ignorierte sie ihn. Als sie zu einer Kreuzung kamen, versuchte sie dann scharf rechts abzubiegen, doch auch dieses Man?ver ?nderte absolut gar nichts an ihrer Situation. Rizzo griff hinüber zu ihr, und erwischte ihren Arm. Doch sie riss, heftig um sich und befreite sich wieder von seinem Griff. Da versuchte sie ihn seitlich von der Stra?e abzudr?ngen, doch er lenkte dagegen, und vereitelte ihr Unterfangen. Wieder versuchte sie zu packen. Daneben! Und nochmal versuchte er es. Geschafft! Diesmal versuchte er sich ganz fest an sie zu klammern, was ihr vermutlich weh tat. Sie zog herum, kreischte ihn an! Dann pl?tzlich verlor sie den Halt und rutschte vom Sattel! Rizzo, der sich immer noch auf Teufel komm raus an ihr festhielt, und der ebenso wie sie kein guter Reiter war, wurde da von ihr mitgezogen und fiel auch auf den Boden. Bumms! Beide knallten sie ungemütlich auf die Stra?e hinab. Die Verfolgungsjagd war nun vorbei, aber beide lagen aufgeschürft im Staub. Die Nacht und Nebel Aktion der Dame war gescheitert.

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